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Kirche der offenen Wünsche

Zukunft: Die Kirche setzt auf Ehrenamtliche – doch viele von ihnen sind schon heute an einer Grenze. Eine Kirche der Ehrenamtlichen wird anders aussehen. Und verzichten lernen.
Andreas Roth
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Die Zukunft der Kirche ist in der Gemeinde Grünberg-Heyersdorf schon angebrochen. Volker Albers, tagsüber Meister für Hörgeräte und danach Vorsitzender des Kirchenvorstands, hält die kleine Gemeinde mit einer Handvoll Ehrenamtlichen am Laufen. Ob es um den Kirchenwald geht, um die ungewisse Zukunft des Friedhofs oder ein Prediger fehlt – Albers fühlt sich verantwortlich. Und macht es oft genug selbst.

Fast zwei Jahre schon ist die Pfarrstelle in dem Schwesternkirchenverbund um Crimmitschau verwaist. Und das Landeskirchenamt schreibt sie trotz gültigem Stellenplan – die nahe Strukturreform vor Augen – nicht neu aus. »Es ist ja gut, wenn Gemeinden begreifen, dass Kirche von unten kommen muss«, sagt Volker Albers. »Doch wir können keine Rundum-Versorgung und Impulse zum Gemeindeaufbau leisten. Wir haben das Gefühl, die Kirche ist in unserer Region dabei, sich selbst abzuschaffen.«

Auch die Verwaltungsmitarbeiterin der Crimmitschauer Luthergemeinde, die als Schwestergemeinde von Grünberg-Heyersdorf dasselbe Schicksal teilt, kommt zu dieser Einsicht. »Die meist berufstätigen Ehrenamtlichen sind am Ende ihrer Kräfte«, sagt Sabine Freund, die ehrenamtlich das Gemeindeleben für drei Gemeinden organisiert. »Wenn die Kirche Pfarrstellen ausdünnt und erwartet, dass Ehrenamtliche die Arbeit übernehmen, funktioniert das nicht.«

Für eine Illusion hält das auch der Leiter der Ehrenamtsakademie der Landeskirche, Joachim Wilzki. »Die Gefahr ist, dass Ehrenamtliche damit überfordert werden. Es kommt darauf an realistisch zu sehen, was zu schaffen ist.« Eine Herausforderung für die Kirchenleitung – aber auch für die engagierten Gemeindeglieder vor Ort. Wie schwer das ist, hat Joachim Wilzki in seiner Dorfgemeinde im Großenhainer Land selbst erlebt. »Wir haben vier Vorhaben im Jahr ausgewählt, die wir mit Freude schaffen. Und damit gibt es zugleich ganz viel Wünschenswertes, das wir nicht leisten können.«

Schon jetzt ist jeder Zehnte der rund 720 000 Mitglieder der sächsischen Landeskirche in seiner Gemeinde im Ehrenamt aktiv. Diese Zahl wird nicht ständig wachsen. Hinzu kommt: Menschen engagieren sich heute oft lieber in zeitlich begrenzten Projekten wie einem Kinder-Musical mit einem klaren Ergebnis und Gewinn auch für sich selbst.

»Gemeinden und Hauptamtliche müssen das aufgreifen und Ehrenamtliche ermutigen, ihre Stärken einzubringen«, sagt Wilzki. »Das ist eine andere Perspektive, als für eine feste kirchliche Aufgabe Nachfolger zu suchen.« Je nach Gaben und Interessen der Menschen vor Ort werden Gemeinden ganz verschiedene Gesichter bekommen. Oder an Leben verlieren. Die Landeskirche setzt auf das Ehrenamt. Nicht nur im Zunkunftspapier »Kirche mit Hoffnung«, mit ihrer vor zehn Jahren gegründeten Ehrenamtsakademie, mit Bildungsangeboten sowie Arbeitshilfen für Engagierte. Auch die Zahl der heute 250 Prädikanten und über 300 Lektoren ist stark gewachsen.

»Wir müssen die Kirchgemeinden ermutigen neu zu entdecken, dass sie vollwertige Gottesdienste feiern können, auch wenn in einem Ort kein Pfarrer zur Verfügung steht«, sagt Heiko Franke, Pfarrer an der Ehrenamtsakademie. »Wir müssen von dem Gedanken wegkommen, dass Pfarrer das Monopol für Gottesdienste haben und Ehrenamtliche nur Nothelfer sind. Sie sollten sich als Dienstgemeinschaft sehen, in der Hauptamtliche die Ehrenamtlichen fördern und weiterbilden.«

Die Glocken läuten, Kerzen in der Kirche anzünden, das Evangelium lesen und beten – auch das, sagt Heiko Franke, kann Gottesdienst sein. Wenn auch ganz anders als gewohnt.

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11 Lesermeinungen zu Kirche der offenen Wünsche
Gert Flessing schreibt:
23. Februar 2017, 18:09

"Wir müssen von dem Gedanken weg kommen..."
Wer ist dieses "Wir"?
Welche Gemeinde ist, bisher, nicht davon überzeugt, dass ein "richtiger" Gottesdienst nur dann gegeben ist, wenn da vorn ein Pfarrer steht?
Das ist, oft genug, bei Besuchen nicht anders. "Ach, das ist nur die, aus der Gemeinde gekommen. Der Pfarrer nicht." Wie oft höre ich, wenn ich Besuche mache: "Wir haben sie schon erwartet."
Am Ende frage ich mich manchmal, ob ich nicht nur abrundende Staffage bin, wie der "Herr Bürgermeister".
Mündige Gemeinde ist das jedenfalls nicht, kaum Gemeinde, die jene würdigt, die sich, oft neben ihrer sonstigen Tätigkeit, Zeit nehmen, in der Besuchsgruppe mitzumachen oder als Kirchgeldeinholer oder als Blättchenausträger(innen) oder beides, manche Stunde im Monat unterwegs sind.
Es wird wohl ein mühsamer Weg werden, bis wir Gemeinden haben, wo wir einander mit den Gaben wirklich dienen, die Gott uns anvertraut hat.
Gert Flessing

manuel schreibt:
24. Februar 2017, 7:49

Wir hören diese Geschichten nun seit vielen Jahren - und sie sind letztlich zwar verständlich, aber eben auch müßig. Es gäbe noch einen anderen Weg als die Fixierung auf das Ehrenamt: nämlich die Gemeindemitglieder zu reichhaltigem Spenden aufzufordern, um mehr Geld für Hauptamtliche und bezahlte Arbeit zu haben. Auch das geht - ist natürlich eine Willensfrage.
Vermutlich sagen die meisten, dass auch das nicht geht. Man sieht ja, was bei Diskussionen um die Kirchensteuer immer gleich los ist. Aber Gemeinden, die weder gerne selbst verkünden und arbeiten noch Geld geben möchten, sterben nicht erst, sie sind schon tot. Deren Mitarbeiter haben vielleicht jahrelang ein Skelett beatmet. Und die Wegnahme der hauptamtlichen Mitarbeiter macht das lediglich sichtbar. Unsere Gemeinden - und ich sage bewussst nicht "unsere Kirche", damit nicht jemand denkt, ich würde die Verantwortung in DD suchen - müssen sich ändern, sonst haben sie keine Zukunft. Wir gehen auf kleine und freikirchlich verfasste Kirchgemeinden zu.
Keiner der jetzt aktiven Ehrenamtlichen sollte dies als Vorwurf verstehen - sie engagieren sich doch. Und mehr geht nicht. Es würde nur mehr gehen durch mehr Leute oder mehr Geld - oder beides - und dann ist immer noch die Frage, ob Gott seinen Segen dazu gibt.

Beobachter schreibt:
24. Februar 2017, 12:40

Ich glaube, die Leute würden wohl kaum mehr spenden, solange sie sehen, für was für Sch... alles Geld da ist

manuel schreibt:
25. Februar 2017, 7:25

Lieber Beobachter,
wenn ich mir manchmal überlege, was für einen Unfug die Leute selbst mit ihrem Geld machen - so viel Unsinn kann in der Kirche gar nicht passieren.... Ich finde es auch nicht richtig, die Verantwortung immer bei "der Kirche" zu suchen. Die Kirche sind doch eigentlich auch die Leute. Und wenn sie Geld für sinnvolle Sachen in der Kirche zu Verfügung stellen würden, dann würden sie auch stattfinden. Wenn man aber sich ansieht, dass vielleicht 5% in die eine Richtung und 5% in die andere Richtung arbeiten, während 90% gar nichts tun, dann wird das eigentliche Problem unserer Gemeinden sichtbar. Selbst Sie scheinen ja die Kirche nach dem zu beurteilen, was in DD und in der Landeskirche geschieht. Haben Sie eigentlich eine eigene Gemeinde? Passiert da auch nur "Sch.."? Und wenn ja - was tun Sie dagegen? Oder ist Ihr Pseudonym zugleich Programm - wie bei den meisten?
Schöne Grüße.

Beobachter schreibt:
26. Februar 2017, 8:29

Lieber manuel,
zunächsteinmal geht es doch hier erstmal nicht darum, was die Leute für einen Unfug(keine Frage!) manchmal anstellen
Noich mehr Unsinn, wie im Moment, kann "Kirche" ganz weit Oben doch wohl kaum noch anstellen? Was gibt es da alles für "Beauftragte"," Botschafter", Ausschüsse, "Berater", die meistens sehr wenig bringen aber viel verbraten. In Sachsen mag es weniger von diesem Unsinn geben, als anderswo?
Leider ist es aber eben nicht so, daß sinnvolle Sachen auch gemacht werden, oft werden sie einfach abgewürgt.
Um bei Ihren Fragen an mich zu bleiben, obig genanntes habe ich durch lebenslangen Einsatz bei "Kirchens" oft genug erlebt. Ich habe Zeit meines Lebens immer in allen "meinen" Gemeinden und Werken (Jungmännerwerk, Männerarbeit, CVJM,...) versucht, möglichst wenig Sch. zuzulassen und positve Akzente zu setzen und das mit großem Einsatz!
Leider stößt man da oft an Grenzen und wird angefeindet (weil man "zu fromm" ist)!
Zur Zeit ist es doch aber ganz offensichtlich, daß zumindest in den "oberen Etagen", zum Teil auch schon "unten", immer mehr Un/antibilisches propagiert, beschlossen und durchgesetzt wird.
Dagegen anzukämpfen ist ein Kampf gegen Windmühlen, und kann einen seelisch und körperlich aufreiben.
Leider ist ja inzwischen so, daß man aufpassen muß, daß man sich nicht selbst mitschuldig macht und deshalb vielleicht lieber/besser den "Staub von den Füßen abschüttelt"!
Schönen Gruß!

Roberto Kemter schreibt:
24. Februar 2017, 22:23

»Wir müssen die Kirchgemeinden ermutigen neu zu entdecken, dass sie vollwertige Gottesdienste feiern können, auch wenn in einem Ort kein Pfarrer zur Verfügung steht« sagt Heiko Franke, Pfarrer an der Ehrenamtsakademie.
Das ist richtig und ich würde es jederzeit unterschreiben, es wird aber nichts werden, solange die Aussage dann folgendermaßen weitergeht:
"Die Glocken läuten, Kerzen in der Kirche anzünden, das Evangelium lesen und beten – auch das, sagt Heiko Franke, kann Gottesdienst sein."
Das heißt ja dann doch wieder, die Ehrenamtler sollen sich zwar engagieren, aber einen Gottesdienst, wie ihn ein Pfarrer hält, können die Ehrenamtler doch nicht abhalten. Wir wollen die Ehrenamtler zwar einbinden, aber von unserem Amtsverständnis, welches wesentlich zu der heutigen Lage beigetragen hat, wollen wir dann doch nicht abgehen. Das ist nicht nur fatal, sondern auch falsch. Ich feiere als Laie seit vielen Jahre Gottesdienst in unseren Gemeinden. Wir sollten endlich Ernst machen, mit dem Priestertum aller Gläubigen, wenn wir errreichen wollen, das die Gemeinden vor Ort überleben.

Gert Flessing schreibt:
26. Februar 2017, 9:07

Gut und schön. Aber: "Der XIV. Artikel: Vom Kirchen-Regiment
Vom Kirchen-Regiment wird gelehret, daß niemand in der Kirchen öffentlich lehren oder predigen, oder Sacrament reichen soll ohne ordentlichen Beruf. "
So weit die CA, die für uns als sächsische Lutheraner verbindlich ist.
Gert Flessing

Roberto Kemter schreibt:
26. Februar 2017, 22:42

Wenn sie das nur in allen Punkten wäre ...
Und was wiegt mehr, die Aussagen des Neuen Testamentes oder die CA?
Und was ist denn ein ordentlicher Beruf?

Roberto Kemter schreibt:
27. Februar 2017, 6:21

"Von der Leitung der Kirche wird gelehrt, dass niemand in der Kirche öffentlich lehren oder predigen oder das Sakrament reichen soll ohne ordnungsgemäße Berufung."
Das würde ich auch heute noch unterschreiben und das ist ja auch in anderen Gemeinschaften der Fall. Auch in den freikirchlichen Gemeinden kann keiner predigen, der nicht durch die Ältesten der Gemeinde berufen wurde. Aber zwischen der Berufung zum Predigtdienst und dem ordentlichen Beruf ( oder dem "Amt") ist ein beträchtlicher Unterschied. Ich finde es daher falsch, das man einerseits betont, das die Kirche vom Dienst der Laien lebt, anderseits aber zwischen den Diensten von Geistlichen und Laien solche Unterschiede macht, das nur der Dienst der Geistlichen einen "vollständigen" Gottesdienst garantiert. Wovor haben wir eigentlich Angst?

Gert Flessing schreibt:
27. Februar 2017, 12:52

Ich denke, das, um zu predigen und die Sakramente auszuspenden, eine gewisse Ausbildung notwendig ist.
Auch Lektoren werden ja ausgebildet. Um Prädikant zu werden, ist schon ein gutes Stück Einführung in theologisches Denken notwendig. Ich habe Prädikanten begleitet und weiß, wie anspruchsvoll das sein kann.
Gert Flessing

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