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Luther macht Druck

Buchmesse: Selten verkauften sich Bücher mit religiösen Themen so gut wie dieses Jahr. Der Grund: Es luthert sehr. Auch Werte und Wurzeln werden gesucht – aber oft unverbindlich.
Von Stefan Seidel
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Luthers Wortschöpfungen frisch aus der Presse: Hans Bode vom Druckkunstmuseum Leipzig wird auf der Buchmesse den Druck eines Plakats mit Lutherworten vorführen (Halle 3, Stand H 401). © Foto: Jan Adler

Natürlich hat es mit Luther zu tun, dass Bücher mit christlichen Themen derzeit guten Anklang finden. Das Reformationsjubiläum hat viele Leser neugierig gemacht auf Luther & Co. Den größten Erfolg feiert dabei das Buch der Bücher selbst: die neu übersetzte »Lutherbibel 2017« wurde seit Oktober rund 330 000 mal verkauft – eine durchaus überraschende Bilanz, wie Sven Bigl von der Deutschen Bibelgesellschaft erfreut zugibt.

Unter den zahllosen Lutherbüchern sind jene besonders erfolgreich, die die Rolle Katharina von Boras beleuchten. Petra Gersters und Christian Nürnbergers Buch »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten« steht seit Wochen auf der Bestsellerliste.

Ebenso ist »Katharina von Bora und Martin Luther« von Maria Regina Kaiser ein Verkaufsschlager. Die Lutherin tritt also endgültig aus dem Schatten ihres berühmten Mannes und erweist sich als äußerst inspirierend für unsere Gegenwart.

Doch auch Bücher zu Luther selbst finden Absatz. Das Jubiläumsjahr scheint nicht zur Ermüdung der Leser zu führen – im Gegenteil. Das starke Interesse an der Reformation könnte zusammenhängen mit dem allgemeinen Bedürfnis, sich der eigenen Wurzeln zu vergewissern. In Zeiten, in denen alles ins Wanken zu geraten scheint, gibt es eine Sehnsucht danach, das Eigene wiederzufinden und sich über die eigene Herkunft klar zu werden. So jedenfalls lässt sich auch der überraschende Erfolg des Romans »Frohburg« von Guntram Vesper oder das soeben mit dem Evangelischen Buchpreis 2017 ausgezeichnete Buch »Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche« von Jörn Klare erklären.

Doch nicht nur Luther findet Anklang. Ein Trend bei den konfessionellen Verlagen geht in diesem Jahr in Richtung Wertebewusstsein. Stark nachgefragt werden Titel, die sich kritisch mit der populistischen Stimmungsmache auseinandersetzen. Die erfolgreichen Bücher »Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab!« von Benediktinerpater Notker Wolf oder »Fürchtet euch nicht!« vom sächsischen Pfarrer Sven Petry lassen auf eine neue »Werteoffensive« schließen. »Angesichts der aktuellen politischen Lage rücken wir Themen wie Toleranz und Vielfalt in den Vordergrund«, erklärt Ralf Markmeier, Verlagsleiter des Gütersloher Verlagshauses, das einen christlichen Hintergrund hat. Viele Bücher sollen auch religiöse Ängste abbauen, etwa vor dem Islam, betont Markmeier und verweist auf das neue Buch von Kerim Pamuk »Der Islam, das Islam, was Islam«.

Neben diesen eher politischen Themen ist aber nach wie vor die Sinnfindung ein Trend im christlichen Buchbereich. Bücher wie »Meine Geschichte mit der Bibel« von Margot Käßmann oder der Bestseller »Aus, Amen, Ende?« von Thomas Frings zeugen von einem Interesse an persönlich überzeugenden Glaubensversuchen. Es zeigt sich einmal mehr: nicht kirchliche oder theologische Bücher im engeren Sinne finden Verbreitung, sondern verständliche, persönliche und gegenwartsbezogene Zugänge zu religiösen Fragen.

Es gebe eine neue Offenheit und Unbefangenheit der Leser im Umgang mit religiösen Themen, stellt der Theologe und Literaturexperte Georg Langenhorst fest. Insbesondere auch Kinder und Jugendliche würden unbelastet und neugierig auf Bücher mit religiösen Dimensionen zugehen. »Freilich fast durchgehend mit dem Grundgefühl der Unverbindlichkeit«, so Langenhorst.

Gar nicht mehr anschlussfähig sei dagegen das, was Langenhorst die »klassische Sprachwelt des christlichen Glaubens« nennt: »All das theologische Binnenverständigungsvokabular von ›Gnade, Sünde, Sakrament, Rechtfertigung oder Erlösung‹ spielt keine nennenswerte Rolle mehr.«

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