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Wachsen kostet was

Zukunft: Mission finden alle gut – doch in der Strukturreform der Landeskirche halten die meisten lieber am Vertrauten fest. Aber wer neue Menschen erreichen will, braucht neue Ideen. Und Geld.
Andreas Roth
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Als hunderte Christen aus ganz Sachsen Anfang April vor der Landessynode in Dresden gegen die Strukturreform-Pläne der Kirchenleitung demonstrierten, war auch ein Unternehmensberater unter ihnen. »Wenn ich als Unternehmer merke, dass mein Produkt nicht mehr ankommt, frage ich doch nicht: Wie komme ich mit weniger Umsatz klar?«, sagte Wolfgang Bönsch und man spürte seine Ungeduld. »Sondern was kann ich an meinem Produkt besser machen?«

Ans Schrumpfen zu denken statt an Innovation – für den 66-jährigen Wirtschaftsfachmann aus Regis-Breitingen, der große Firmen beraten hat und erst mit 41 Jahren Christ wurde, einfach undenkbar (siehe Seite 3). »Warum ist Jesus auf die Welt gekommen?«, fragt er. »Um zu suchen und zu retten, was verloren ist.« Bönsch brachte ein vierseitiges Konzept mit zur Demon­stration vor der Synode. Er schlägt eine Entwicklungsabteilung für die Landeskirche vor: Eine Denkfabrik für Mission und Marketing, um neue Formen von Kirche auszuprobieren und Gemeindeglieder wie Mitarbeiter für die Weitergabe des Glaubens fit zu machen. Bei Rekord-Kirchensteuern müsste Geld da sein. »Wir können doch nicht nur das Schrumpfen verwalten.«

Das aber dominiert das Zukunftskonzept der Kirchenleitung ebenso wie die turbulente Debatte der Synode darüber: Möglichst viel soll so bleiben, wie es ist. Nur kleiner. Dabei hatte die Landessynode schon im vergangenen Herbst Kirchenleitung und Landeskirchenamt um die Unterstützung »innovativer missionarischer Initiativen« mit Personalstellen in neuen Strukturen gebeten. Ergebnisse gibt es bisher nicht. Das Thema droht im einjährigen »Entscheidungsfindungsprozess« zur Strukturreform der Landeskirche unterzugehen.

Was möglich wäre, zeigt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Fünf Millionen Euro hat deren Synode für Experimente in so genannten »Erprobungsräumen« bewilligt. In Gotha hat der Kirchenkreis einen Pfarrer als »Stadtteilmissionar« an einen sozialen Brennpunkt entsandt, in Haldensleben haben Kirche und eine Firma eine »Offene Industriestadtgemeinde« für Mitarbeiter und deren Kinder gebildet, und im Südharz entsteht eine übergemeindliche Kirche von Jugendlichen für Jugendliche.

Ein viel kleineres Förderprogramm für missionarische Gemeindeaufbauprojekte hat auch Sachsens Landeskirche. Über 90 Vorhaben wie die »Bunte Kirche Neustadt« in Dresden oder Kirchenläden in Oederan und Borna wurden damit bisher unterstützt. 200 000 Euro hat der Fonds zur Verfügung – aber nicht einmal die wurden bisher von Kirchgemeinden ausgeschöpft. »Es braucht Ideen aus den Gemeinden, das ist das Schwierige«, sagt Manja Erler, Gemeindeaufbau-Referentin im Landeskirchenamt.

Mission finden alle gut – aber oft nur, wenn man dafür nichts vom Gewohnten abgeben muss. Das zeigt sich an einer mutigen Idee von Synodalen um den Burgstädter Pfarrer Sandro Göpfert: Sie schlugen schon im vergangenen Herbst einen Zukunftsfonds mit Personalstellen für neue Gemeindeformen und Mission vor – doch dafür müssten die Kirchgemeinden den Gürtel schon bald viel enger schnallen als ohnehin von der Kirchenleitung geplant. Die Synode gab den Vorschlag zur Prüfung an das Landeskirchenamt. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Und in der heißen Debatte um Kürzungen ist eine Mehrheit für noch größere Einschnitte kaum vorstellbar.

Die Angst vor Verlusten ist stärker. »Aber wir lassen doch schon heute in der Gemeindearbeit oft vieles weg – sei es den Blick nach außen oder den diakonischen Blick«, sagt Manja Erler. »Was wäre, wenn wir ein Drittel unserer Ressourcen dafür verwenden würden, zu den Menschen zu gehen, die nicht zu uns kommen?«

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2 Lesermeinungen zu Wachsen kostet was
Peter Jost schreibt:
04. Mai 2017, 15:05

Lieber Herr Roth, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag! Die Initiativen von Herrn Bönsch und Pfarrer Göpfert sind wegweisend und sollten von der Kirchenleitung unbedingt ernst genommen werden. Anstatt darüber zu lamentieren, dass von den Gemeinden zu wenige innovative Impulse ausgehen, sollte die Kirchenleitung mit aller Kraft strukturell und finanziell diejenigen Initiativen unterstützen, welche mit großem persönlichem Einsatz und oftmals gegen Widerstand aus den eigenen Reihen sich dafür einsetzen, dass kirchenferne Menschen neu Zugang zu Glauben und Kirche finden. Das Förderprogramm der EVLKS entspricht dem Gießkannenprinzip: Statt dort, wo es wirklich Sinn macht, großzügig auf Nachhaltigkeit hin zu investieren, will man das Budget auf zahlreiche kleine Projekte verteilen, mit der Folge, dass diejenigen (anscheinend die Mehrheit), welche keinen Sinn für Wachstum und Innovation haben, das Gießwasser nicht in Anspruch nehmen und die wenigen, die auf das von anderen nicht in Anspruch genommene Geld angewiesen wären, da sie gerade wegen ihrer Innovationskraft von der Quelle der Kirchensteuern abgeschnitten sind, finanziell austrocknen. Auf diese Weise wird das Schrumpfen solange verwaltet, bis der letzte innovative Kopf frustriert von der eigenen Kirche das Handtuch wirft. Gerade weil es so wenig kreative Aufbrüche gibt, dürfte es überhaupt kein Problem sein, diese strukturell und finanziell angemessen zu unterstützen. Meiner Einschätzung nach fehlt hier schlicht der Wille zur Veränderung.

Christian Schön... schreibt:
06. Mai 2017, 21:20

Vielen Dank, Herr Roth! Ein wunderbarer Artikel, der wieder einmal die aktuelle Situation in der Sächsichsen Landeskirche vor Augen führt. Wer einigermaßen aufmerksam die Diskussionen um die Zukunftsperspektive im Angesicht sinkender Mitgliederzahlen verfolgt hat, dem müssten eigentlich beim Lesen des Artikels die Schuppen von den Augen fallen: Gerade jetzt braucht es mutige Reformen und unternehmerischen Geist. Wenn wir uns im Jahr des Reformationsjubiläums nicht nur in den Fragen und Antworten längst vergangener Zeiten verlieren, sondern zu den Wurzeln des reformatorischen Erbes durchdringen wollen, dann heißt das eben auch das Bestehende konsequent zu hinterfragen. Wenn wir als Kirche die christliche Botschaft selber ernst nehmen, dann sollten wir uns im Vertrauen auf Gottes Zusagen auf Veränderungen einlassen und sie als Chance begreifen, neu zum Kern unserer Hoffnungen durchzudringen. Wenn wir jetzt lediglich den Abgesang verkrusteter Strukturen verwalten, verbauen wir uns die Gelegenheit, neu zu entdecken, welche Relevanz christlicher Glaube und Kirche für uns und unsere Gesellschaft entfalten kann. Die ganze Diskussion kreist - durchaus notwendiger Weise - um strategisch-strukturelle Fragen, finanzielle Erwägungen und statistische Tendenzen. Viel zu oft scheint mir die inhaltliche Dimension dabei aber zu kurz zu kommen: Was ist Kirche und was bedeutet unsere Botschaft im hier und heute? Das ist m.E. die eigentlich spannende Frage, vor die uns die aktuellen Entwicklungen mit Nachdruck stellen. Leider drängt sich mir zunehmend der Verdacht auf, das diese Aspekte bei den Entscheidungen des Landeskirchenamtes kaum zum Tragen kommen. Und auch Artikel wie diesen hier scheint man leider im LKA nicht zu lesen oder sich zumindest nicht sonderlich zu Herz und Kopf gehen zu lassen.

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(1.Samuel 15,22)

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(Lukas 11,28)

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