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Im Meer Gottes

Johannistag: Mitten im Leben wird des Todes gedacht – und Hoffnung verbreitet: Sterben ist Verwandlung. Wie kann in gott- und trostlosen Zeiten darauf vertraut werden?
Von Stefan Seidel
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© Foto: © Albatraoz, fotolia.com

Es ist Sommer. Wir sind im Urlaub – auf der Insel Hiddensee. Wir spazieren zum nördlichen Ortsteil Kloster, barfuß, am Strand entlang. Die Wellen umspielen die Füße. Wir bummeln durch Kloster – und biegen ein auf den Friedhof, der das verwitterte Kirchlein umgibt.

Die Grabsteine stehen schief und vermoost auf der Wiese. Wie die Buhnen am Strand unten. Dort brechen sich die Wellen des Meeres und laufen sanft aus im Sand. Die Grabsteine hier oben unterbrechen den Gang der Dinge – und die Sorglosigkeit des Urlaubstages.

Eine Grabstele ragt heraus. Sie trägt in ihrer Mitte einen gläsernen Riss. Darunter einen Vers von Rainer Maria Rilke: »Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns / mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns.«

Ich schaue auf die Lebensdaten. Sie gehören zu einem Mann, der nicht alt geworden ist, der in seinen so genannten besten Jahren hat gehen müssen. Ich bin betroffen. Lange klingt in mir der Rilke-Vers nach. »Wenn wir uns mitten im Leben meinen ...« Wie schnell kann es gehen, dass das Leben abbricht, dass der Lebensfaden reißt? Wie viele können davon ein Klagelied singen?

In der Mitte des Lebens, in der Mitte des Jahres erinnert der Johannistag an das Ende: am längsten Tag des Jahres und in der hellsten Nacht sollen wir des Endes gedenken – inmitten des Aufblühens der Abschiedlichkeit des Lebens inne werden. Denn es geht ein Riss durch die Schöpfung, es ist der Tod. Ein Bleiben ist nirgends.

Blickte man dieser Wahrheit ohne Gott ins Auge, man müsste verzweifeln. Wozu der Schmerz des Verlorengebens? Wozu das Leben und die Liebe, wenn es auf das Entrissenwerden, auf das Verlöschen hinausläuft? Der Tod ist die Urfrage des Menschen. Er mischt sich als bitterer Geschmack in die erfülltesten Momente.

In gewisser Weise stehen wir Menschen schief und versehrt in diesem Universum wie die Grabsteine auf dem Hiddenseer Friedhof. Die Verluste und das Wissen um das Ende zehren und zerren an uns. Es bedarf einer inneren Arbeit, um damit zurechtzukommen.

Was bedeutet es, dass der Riss in der Grabstele gläsern ist, durchlässig für das Licht? Das Bild geht mir nach. Es erinnert mich an das geöffnete Grab am Ostermorgen und an das Licht, das die Jünger darin sahen. »Er ist auferstanden, er ist nicht hier«, sagt der Engel. Das Ende geht in einen neuen Anfang über.

Welch ungeheuerliche Botschaft, welch unglaubliche Hoffnung. Schwer, beinahe unmöglich zu ergreifen in einer wissenschaftlich entzauberten Welt, da der Glaube vielen als etwas Gestriges anmutet. Hoffen geht in solchen Zeiten nur durch poetische Splitter – dass da ein Wort, ein Bild, ein Ton hindurchdringt in die Seele aus der Zeit und Sphäre heiliger Geheimnisse. Dass uns etwas anweht aus der Natur, aus der Literatur, aus der Bibel oder aus dem Abendmahl, das uns ahnen lässt, dass die Wände zwischen Diesseits und Jenseits dünn sind, wie der Theologe Jörg Zink einmal gesagt hat: »Hinter den Dingen dieser Welt, die uns vertraut sind, baut sich eine andere, größere Welt auf. Sie durchdringt die unsere, und sie wird immer wieder bei vielen Menschen spürbar.«

Es könnte sein, dass es der Sinn des christlichen Glaubens ist, den Todesriss der Schöpfung zu »verglasen«, durchscheinend zu machen für das ewige Leben bei Gott, an dem wir schon jetzt und hier – in der my­stischen Verbundenheit mit Christus und dem Vater – teilhaben können. Darauf zu vertrauen, dass das Sterben eine Verwandlung ist und nichts und niemand verloren geht.

Die Wellen brechen sich an den Buhnen, verlieren ihre Kraft und Form – und ziehen sich wieder beruhigt ins Meer zurück, in dieses unendliche Aufgehobensein im großen Ganzen.

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