39

Braucht der Glaube Heimat?

Strukturreform: In einer unübersichtlichen Welt wächst das Bedürfnis nach Nähe. Die Kirche muss im Dorf bleiben, fordern viele. Dabei ist sie mehr.
Notiert von Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:
Heimat ist wieder eine Sehnsucht: Je schneller die Welt wird, desto größer die Suche nach Nähe und Wurzeln – wie hier im erzgebirgischen Lippersdorf. © Foto: Steffen Giersch

Das Kleine wächst, wo das Große wächst. In einer Welt voller Globalisierung und Mobilität sprießt zugleich die Sehnsucht nach Verwurzelung. »Das Bedürfnis nach Heimat ist eine Gegenbewegung zur Individualisierung«, sagt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel. Und die Proteste gegen die Strukturreform-Pläne der sächsischen Landeskirche fordern: Lasst bloß die Kirche im Dorf.

Wobei Jesus das Wort Heimat nicht kannte. Egal aber war sie ihm nicht. »Jesus liebte seine Heimat«, schrieb der Theologe Rudolf Lange in seiner »Theologie der Heimat«. »Während er über all die menschlichen Verzichte, denen er unterworfen war, kein Wort verliert, erachtet er das Opfer seiner Heimatlosigkeit einer ausdrücklichen Betonung für wert.« Anders als die Tiere hat der Menschensohn aus Nazareth keine feste Bleibe und er schien sie zu vermissen (Matthäus 8, 20). Zugleich aber verstand man Jesus am Ort seiner Herkunft nicht und bedrohte ihn gar (Lukas 4). Heimat als Sehnsucht und Enge: Jesus kannte beides.

Eignen sich Heimat und Nähe als Kriterium für kirchliche Strukturen? Die Kritiker der landeskirchlichen Pläne für größere Gemeindeverbünde in Sachsen sehen das so. Und werden dabei von wissenschaftlichen Studien unterstützt. Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen der Verbundenheit zu einer Kirchgemeinde vor Ort und zur Kirche überhaupt, fand die jüngste Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland heraus.

»Wo ein Pfarrer oder ein aufgeschlossenes Gemeindehaus mit aktiven Gruppen vor Ort sind, gibt es eine hohe Religiosität«, fasst der Leipziger Religionssoziologie-Professor Gert Pickel die Ergebnisse zusammen. »Wenn sich diese sozialen Bindungen auflösen, löst sich auch Religiosität auf. Entscheidend ist die soziale Nähe.« Wobei dies noch nichts über die Art der Gemeindestrukturen sagen muss. Denn in der EKD-Studie ist unter den Befragten aus fusionierten Gemeinden die Verbundenheit zur Kirche sogar stärker gewachsen als geschwunden.

Heimat ist eben keine Verwaltungseinheit. Sie ist mehr. Und auch Kirche ist mehr. »Für ein Dorf kann auch ein schöner Gasthof oder ein Feuerwehrhaus Identität stiften, das muss kein Kirchturm sein«, sagt der Leisniger Superintendent Arnold Liebers. »Das Alleinstellungsmerkmal von Kirche ist doch: Dass hier das Evangelium verkündet wird. Im kleinsten Dorf kann man eine Kerze anzünden und gemeinsam beten. Alles andere sind Strukturen, die ganz unterschiedlich sein können.«

Liebers ist der oberste Pfarrer eines Kirchenbezirks, der ganz besonders mit den Problemen kleiner werdender Gemeinden in weit verstreuten Dörfern zu kämpfen hat. Und er ist ein Mann, der sich selbst als mittelsächsischen »Bauernjungen« bezeichnet und für den das Thema Heimat kostbar und existentiell ist. Und gerade er sagt: »Heimat weist auch über uns hinaus.« Hinaus über die Ortsgrenze zu den Glaubensgeschwistern in der Region. Und hinaus auf die zukünftige Heimat, in der Gott alle Tränen abzuwischen versprochen hat.

Die Welt ist in Bewegung und die Kirche in ihr. Manche meinen, beide seien aus den Fugen. Und viele suchen dabei Halt in einer Heimat. Das Volk Gottes aber ist auf Wanderung: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebräer 13, 14). Gott befreite Israel aus Ägypten, indem er es in Bewegung setzte. Die Sehnsucht nach einer Heimat war der Motor. Sie ist das gelobte Land. Doch der Gott der Bibel ist auch bei den Heimatlosen. Bei den Flüchtlingen damals wie heute. Bei den Flexiblen und Alleingelassenen in Dörfern, Städten und auf Landstraßen.

Diskutieren Sie mit

39 Lesermeinungen zu Braucht der Glaube Heimat?
Manfred schreibt:
18. August 2017, 16:17

Lieber Nachtschwärmer, ich hetze nicht gegen die dunkelhäutigen jungen Männer, sondern es geht um die Heimat!!!
Die Heimat dieser Menschen ist nicht Deutschland. Warum diese Menschen ihre Heimat verlassen haben, liegt auch bei der deutschen Politik.
Warum müssen diese Länder (meist Entwicklungsländer) als Biliglohnländer ausgebeutet werden?
Darüber wird aber von der deutschen Politik nichts beschrieben.
Warum nicht?
Das Homosexuelle es in einem Dorf schwer haben, hat etwas mit der konservativen Einstellung zu tun.
Wieso soll ich ein Rassist sein, nur weil ich eine andere Meinung habe?
Scheinbar interessiert sie nur ihre eigene Meinung, alles andere sind Rassisten und schlimmer.
Ein System kann nur funktionieren, wenn es feste Regeln gibt, die von allen eingehalten werden.
Wir haben im täglichen Leben schon zuviel Beliebigkeit.

Gert Flessing schreibt:
18. August 2017, 9:36

Was dem Nachtschwärmer entgeht, ist doch, das es viele Menschen gibt, die kaum noch ein Gefühl für Heimat haben. Es ist ihnen, in gewisser Weise, abtrainiert worden.
Das hat nicht nur mit der Kirche zu tun, die schon länger (ich erinnere mich an einen Vortrag von Generalsuperintendent Jakob) uns als "wanderndes Gottesvolk" und damit hier nicht wirklich beheimatet, benennt.
Das ist ja auch, da wir hier wahrlich keine bleibende Stätte haben, nicht falsch.
Dennoch brauchen Menschen einen Ort, eine Gemeinschaft, in der sie sich wohl fühlen, beheimatet fühlen können.
Nun ist Heimat etwas, was gewiss auch eine Enge erzeugen kann. Je mehr der Gedanke an sie infrage gestellt wird, um so enger kann sie werden. Da wächst dann nämlich die Angst, diese Grundlage zu verlieren.
Diese Angst, nach außen projiziert, schlägt sich dann in Kommentaren nieder, wie sie der "Nachtschwärmer" zu Recht anprangert.
Die Kirche verändert sich. Ja, sie wird, wenn es um die geht, die sie hauptamtlich vertreten, ärmer.
Aber ist die Gemeinde deshalb weniger Gottesvolk? Wenn in Gemeinden, wie es hier schon beschrieben wurde, einfache Gemeindeglieder die Kirche zu Lesung und Gebet, zum gemeinsamen singen und Reden öffnen, was ist das dann? Wie wird es empfunden? Weiter unten lesen wir, das es die "überlebenden" Hauptamtlichen auch als Konkurrenz sehen können.
Wenn wir, als Kirche, Heimat für Menschen sein wollen, dann müssen wir auch bereit sein, eine "innere Wanderung" zu machen, von dem, was verordnet ist und in Agenden gebunden, zu dem, was wir, als glaubende Gemeinschaft, gemeinsam leisten können.
Zur Heimatpflege gehört halt auch, das derjenige oder diejenige, die lesen und schreiben kann, das, um aller anderen willen, tut.
Vielleicht auch indem "Fremde" eingeladen werden und damit meine ich z.B. junge Familien, die sich vermehrt im ländlichen Raum ansiedeln.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
18. August 2017, 10:02

Liebe Mitchristen,
Phil. 3,20: "Unsere Heimat ist im Himmel." Was bedeutet das im Zusammenhang mit unserem Thema? Kann eine Kirchgemeinde ein bisschen dieser Wahrheit abbilden, vorwegnehmen? Kann sie dem wandernden Gottesvolk auf dem Weg zur Zukünftigen, die wir suchen, Wegzehrung geben? Vielleicht ist auch der Weg schon das Ziel!? Ist die Suche nach der Zeit, wo Gerechtigkeit und Friede sich küssen, verbunden mit dem Vertrösten auf ein Jenseits, oder küssen sich Friede und Gerechtigkeit hier im Diesseits? Findet vielleicht Auferstehung der Toten ins Leben schon statt, wenn sich Menschen einreihen in die Bewegung, die Jesus vor zweitausend Jahren begonnen hat? Wer in der Gemeinde dazu eingeladen wird, sich in diese Bewegung einzureihen, und es auch tut, hat schon ein Stück Himmel auf Erden, ein Stück Heimat. Sie ist ortsungebunden, kann in Grünhain oder auf Grönland stattfinden.
Johannes Lehnert

Gert Flessing schreibt:
19. August 2017, 10:12

Lieber Herr Lehnert,
es ist völlig richtig, was Sie schreiben. Eine Kirchgemeinde kann ein wenig von dem abbilden und lebendig werden lassen, was uns, aus Gottes Liebe heraus, erwartet.
Sie tut es, wo sie Menschen einlädt, wo sie Gemeinschaft gibt, wo sie tauft und die Getauften nicht allein lässt. Sie tut es, wo sie Menschen, die bereit sind, sich "einzureihen in die Bewegung, die Jesus vor 2000 Jahren begonnen hat" aufnimmt, und ihnen hilft, mit diesem Jesus Erfahrungen zu machen.
Jesus ist dabei die Mitte. Er ist es auch, der, als der gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes, zum Trostquell für Leidende und zur Hoffnung für Sterbende wird, die ja auch Teil der Realität sind.
Das Menschen dennoch nach einer irdischen Heimat fragen, ist zutiefst menschlich. Auch hier wollen wir, als Kirchgemeinde da sein. Aber eben als Gemeinde und damit auch in der Verantwortung der Gemeinde. Vielleicht auch, indem Gemeinde lernt, als Teil des "wandernden Gottesvolkes", beweglicher zu werden uns sich gegenseitig zu besuchen und Glauben gemeinsam zu leben.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
18. August 2017, 13:29

Lieber Herr Nachtschwärmer,
dies hat doch nicht mit Hetze zu tu, der typischen Flüchtlinge, sind halt männlich Jugendliche, junge Männer und sie sind uns besonders fremd. Nicht nur dadurch, dass sie sich wohl kaum zum „Sauschlachten“ in unseren Gasthof verirren, sondern auch weil sie beschnitten.
Zwar sind in manchen großstädtischen Gegenden Deutschlands auch sehr viele junger Männer wie auch jede zweite männliche Schulkind oft beschnitten aber doch bei uns in Sachsen nicht.

Eine Kultur ob die uns bereichert, noch dazu in diesem großen Anteil ist doch fraglich, hinzu kommt ihre Frauenbild usw.
Da frage man sich, ob hier vielleicht doch nicht etwas seht faul ist, weil es so wenig weibliche Flüchtlinge gibt, bei den unbekleideten Minderjährigen kaum.
Sind aus unseren Ansichten (Frauen zuerst) nicht andere die wirklichen Hilfebedürftigen, also ihre weiblichen Geschwister die sie zurück ließen,. Vielleicht sogar halfen ihre Schwestern im Orient oder Afrika zu Verkauften. Weil sie Geld für den Schlepper brauchten. Der Ihnen ständig erzählte in Deutschland , der Ihnen ständig erzählte in Deutschland bekommt ihr Autos, gute Klamotten, viel Geld und sie so zur Flucht animierten

Johannes schreibt:
18. August 2017, 23:09

Lieber Herr Schuster,

nur ein kleines Detail am Rande:
Dass Sie das Beschnittensein als ein Merkmal von besonderer Fremdheit bezeichnen, verblüfft mich schon. Jeder gläubige Mann unserer jüdischen Glaubensvorfahren ist beschnitten. ja das gilt als das Merkmal, zum auserwählten Volk Gottes zu gehören. Die Beschneidung Jesu wird im Neuen Testament als ritueller Akt berichtet. Und ohne die jüdische Kultur der Antike gäbe es das Christentum nicht. Also: Am Beschnittensein kann es nun nicht liegen.

Johannes Lehnert

Gert Flessing schreibt:
21. August 2017, 11:24

Haben wir, die wir uns hier melden, die wir hier mitdenken, noch das Gefühl für Heimat?
Damit meine ich zweierlei.
Zum Einen frage ich mich, ob wir wirklich ermessen können, wie wertvoll es ist, Deutschland unser Vaterland nennen zu können. Wir leben in einem Land, das uns vielfältige Möglichkeiten gibt, uns zu entfalten. Es gibt Freiheiten, sogar die Freiheit, es als Heimat abzulehnen, es zu hassen, ja über seine Zerstörung nachzudenken. "Harris do it again."
Meine Vorfahren haben dieses Land mit gestaltet, haben sich eingesetzt und einige sind auch für dieses Vaterland gestorben.
Ich schätze und liebe meine Heimat. Ich wünsche mir, das sie bewahrt wird, auch in dem, was ihr Band ist, der Sprache, die es den einzelnen Dialekten ermöglicht, sich zu verständigen, dem Bewusstsein, das man nicht nur von der Gesellschaft nehmen darf, sondern auch etwas geben sollte, der Toleranz, die bereit ist, Fremdes aufzunehmen und einzugliedern. Einst hat es in meiner Familie Hugenotten gegeben, die sich "dazu fanden".
Zum Anderen denke ich darüber nach, ob wir es, als Kirche, die mich mit der "ewigen Heimat" verbindet, noch schaffen, diese Hoffnung für die Menschen lebendig zu halten.
Zu oft erlebe ich, das sich die Kirche viel mehr mit der Hoffnungslosigkeit hier befasst, als mit der Hoffnung, die Gott stiftet und schenkt.
Diese Hoffnung wächst nicht da, wo gegendert wird. Sie wächst auch nicht dort, wo Jesus der Revolutionär und vorsozialistische Visionär war, der leider starb.
Diese Hoffnung kann wachsen, wo Jesus als der "Erstling der Entschlafenen" gepredigt wird. Kreuz und Auferstehung stiften die Hoffnung, die dann, in der gelebten Liebe und nicht in einer neuen Gesetzlichkeit, soziale und mitmenschliche Früchte trägt.
Gert Flessing

Hans schreibt:
01. September 2017, 15:46

Für mich ist es ein Rätsel, warum der Begriff Heimat immer noch negativ besetzt ist.
Wenn ich meine Heimat liebe und mich für deren Erhalt, respektive der zum Dorf gehörenden Kirche einsetze, bin ich dann Rückwärtsgewand? Die Frage ist doch, stehe ich zu meinen Wurzeln und wo will ich hin, was hinterlasse ich meinen Kindern, womit können die sich indentifizieren? Ich befürchte, hier sind wir viel zu kopflastig und vergessen schlicht unsere Tradition, aus Angst den Mainstream zu verpassen. Wir sollten wieder anfangen mit wachem Auge auf unsere Heimat schauen
und die Chancen entdecken, die sie uns bietet! Jeremia 31,17. Ein Beispiel könnten uns die Mitchristen aus Südtirol sein. Ein besonderer Augenmerk sei auch auf den Kommentar über das Gefühl des Architekturkritikers gerichtet. Heimat kann Glauben stiften, die Kirche, Kapelle hilft dabei.
http://www.db-bauzeitung.de/db-themen/schwerpunkt/kapelle-salgenreute-in...

DER SONNTAG schreibt:
04. September 2017, 8:53

+++ Leider ist die Diskussion nicht mehr dem Inhalt des Artikels zuzuschreiben. Daher haben wir uns entschieden, die Kommentarfunktion für den Artikel zu sperren. Bitte beziehen Sie sich inhaltlich auf den Artikel. Nur so ist eine konstruktive Diskussion möglich. https://www.sonntag-sachsen.de/nutzungsbedingungen#Netiquette +++

Seiten

Quelle
DER SONNTAG, Nr. 33 | 20.8.2017 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen
Tageslosung

Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen.

(Joel 3,1)

Petrus sprach: Da Jesus nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.

(Apostelgeschichte 2,33)

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Eibenstock
  • Frauenkreis
  • Gemeindehaus
  • , – Dresden
  • Konzert
  • Kirche Leubnitz-Neuostra
  • , – Leipzig
  • Orgelmusik
  • Michaeliskirche
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Bischof #Rentzing wirbt zum bevorstehenden Jüdischen #Neujahrsfest für christlich-jüdischen Dialog https://t.co/TNsxoq6Rns
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Der Dresdner #Kreuzchor hat einen neuen Chordirigenten: Wolfgang Behrend folgt auf Peter Kopp https://t.co/SmBVlxyCkO @Kreuzchor_News
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Dresdner Verein #Sukuma arts erhält ökumenischen Preis von @BROT_furdiewelt https://t.co/rzDFDR9DcD
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
»Kirche und Großstadt« ist das Thema der #Stadtkirchenkonferenz der @EKD ab Sonntag in Leipzig https://t.co/37vYyL6byz
vor 4 Tagen