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Gott in der Tiefe finden

Depression: Pfarrer Joachim Wehrenbrecht leidet unter schweren depressiven Phasen. Lange gestand er sich nicht ein, krank zu sein. Mühsam fand er einen Weg, mit seiner »Schwere« zu leben – und Gott dabei nicht zu verlieren.
Von Stefan Seidel
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Sieht sich trotz Depressionen mit Gott verbunden: Pfarrer Joachim Wehrenbrecht. In seinem Buch schreibt er: »Ich stelle mich mit meiner Schwere in den Heilsplan Gottes.« Anderen Betroffenen empfiehlt er, im Hier und Heute zu leben so gut es geht und »einfach immer weiter zu machen«. © Foto: privat

Depression kann jeden treffen«, heißt es auf einem vielerorts angebrachten Plakat des »Bündnisses gegen Depression«. Auch Pfarrer sind nicht gefeit davor. Davon berichtet Joachim Wehrenbrecht, Pfarrer im westfälischen Herzogenrath, in seinem Büchlein »Die Schwere. Mein langer Weg mit Depressionen zu leben«. Es ist der Bericht eines Betroffenen, der immer wieder von schweren Depressionen heimgesucht wurde.

Mit seinen Aufzeichnungen aus der dunklen Welt der Schwermut möchte Wehrenbrecht diese Krankheit vom Tabu befreien. Er schreibt offen von den Wunden, die diese Krankheit schlägt – und davon, wie er dieses Leiden gezähmt hat. Damit andere Betroffene Mut finden, »sich ihrer Schwere zu stellen und darüber zu reden«.

Es war in der Zeit seines Studiums, als Wehrenbrecht erstmals »befallen« wird von der »Schwere« – als er eingeschnürt wurde von einer großen Angst und nichts dagegen auszurichten vermochte, schlaflos und antriebslos am Boden war. »Mich quälten Weinkrämpfe, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Antriebslosigkeit. Ich hatte keinen Appetit und mir war alles zuviel. Morgens war es am schlimmsten. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals arbeiten zu können. Nichts machte mir Freude.« Wehrenbrecht sucht Hilfe, lässt sich einen »gläubigen Psychotherapeuten« empfehlen. Doch dieser rät ihm nur, noch stärker auf Christus zu vertrauen. Aber die depressiven Phasen kehrten wieder – als Bürde, die nicht »schachmatt« setzte, aber über alles Leben einen grauen Schleier warf.

Zunächst hilft ihm seine Frau, die ihn mitzog und dafür sorgte, dass er nicht den ganzen Tag im Bett blieb. Dann suchte er selbst Hilfe, las Ratgeber, besuchte therapeutische Wochenendkurse, praktizierte alle möglichen Gebets- und Meditationsübungen, nahm an Familienaufstellungen teil – bis er endlich bei einem ärztlichen Psychotherapeuten auch ein Antidepressivum erhielt und eine wirksame Linderung seines Leidens erlebte.

»Ich habe von meiner ersten fetten Depression im Studium bis zur ersten Medikamenteneinnahme vierzehn Jahre gebraucht um einzusehen, dass ich krank bin und eine medikamentöse Behandlung meinen Gehirnstoffwechsel so reguliert, dass ich angstfrei und nicht einige Oktaven tiefer am Leben teilnehmen kann.« Wehrenbrecht verschweigt dabei nicht die Nebenwirkungen. Allerdings hat sich für ihn kein anderer Weg aufgetan, mit den chronischen Depressionen zu leben. Aber: sowohl die Auswahl des Medikaments als auch die Dosierung sollten regelmäßig überprüft werden.

Als Pfarrer fragt er auch nach Gott. Ist die Krankheit womöglich eine Strafe für irgendetwas? Wehrenbrecht hält sich dabei an das Jesuswort über den Blindgeborenen: »Niemand ist schuld, dass er blind ist« (Johannes 9). Er nimmt die »Schwere« an und erlebt sich nicht abgetrennt von Gott. »Die Schwere hat mich zu dem werden lassen, der ich bin. Ich kenne mich nicht anders.« Aber er schreibt auch: »Ich sehne mich nach Heilung.«

Natürlich hat er nach möglichen Gründen für seine Krankheit gefragt. Eine frühe und lange Trennung von der Mutter, die bei seiner Geburt in eine Psychose geglitten ist oder die Schläge in der Kindheit könnten Gründe sein. Doch geholfen hat Wehrenbrecht nicht der Blick auf die Wunden, sondern der Blick auf die Wunder. »An Wunder zu glauben heißt, dafür offen zu sein, dass das Leben auch noch heilsame Erfahrungen bereithält. Es gibt immer noch Möglichkeiten der Wendung oder zumindest der Linderung.« Das durfte Wehrenbrecht erfahren. Dass vieles möglich wurde, woran er nicht mehr geglaubt hatte. Dass er wieder lieben konnte und geliebt wurde. Dass er auch beruflich neu anfangen konnte. Dass er nun einen Weg gefunden hat, mit seiner Depression zu leben.

In all dem sieht er auch Gott am Werk. Er bekennt: »Gott ist in die Tiefe und Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz hinabgestiegen. Hier ist er zu finden.« Vor allem wolle Gott nicht, dass man sich und seine Wunden versteckt. Denn Gott habe zugesichert: »Ich will, dass Du bist.«

Joachim Wehrenbrecht: Die Schwere. Mein langer Weg mit Depressionen zu leben. Edition Avra 2017, 98 Seiten, 8,90 Euro.

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