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Wenn die Nacht nicht endet

Depression: Dieses Leiden ist zur Volkskrankheit geworden – und immer noch ein Tabu. Der Patientenkongress in Leipzig ermutigt zum offenen Umgang. Kann auch Gott helfen?
Von Stefan Seidel
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© Foto: nach Floydine/Fotolia

Tückisch ist diese Krankheit wie kaum eine andere. Denn Depression ist eine »leise Erkrankung«. Oft dauert es für die Betroffenen lange, sich einzugestehen, wirklich krank zu sein. Oft ist die mit dieser Krankheit einhergehende Antriebslosigkeit, Schwäche und Hoffnungslosigkeit schambehaftet.

Denn in einer Zeit, in der Leistung und Aktivität als höchste Werte gelten, gerät das Nicht-mehr-Können der Depressiven zum Makel und Stigma. Dabei steigen die Zahlen der Depressionsdiagnosen jedes Jahr. 5,3 Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression – also einem »anhaltenden Gefühl der Traurigkeit, das eine normale Teilnahme am Leben verhindert«, so die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Suizide des Schauspielers Robin Williams oder des Torwarts Robert Enke haben gezeigt, dass Depressionen jeden treffen können. Weltweit sind sie sogar zur zweithäufigsten Volkskrankheit aufgestiegen.

Allerdings erhalte nur eine Minderheit eine optimale Behandlung, klagt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Ein Grund: Betroffene können sich oft wegen Unkenntnis, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung keine Hilfe holen. Deshalb hat die WHO das Jahr 2017 unter das Motto gestellt »Depression – lasst uns darüber sprechen«.

Und tatsächlich scheint Bewegung in den Umgang mit der Krankheit zu kommen. Prominente berichten über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Und Harald Schmidt hat die Schirmherrschaft für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe übernommen. Er erklärt: »Rund fünf Millionen Depressive in Deutschland – das kann nicht nur am Fernsehprogramm liegen!« Mit solchen humorvollen Einstiegen möchte er auch beim Deutschen Patientenkongress Depression am 26. und 27. August in Leipzig die Podiumsgespräche in Gang bringen. Ihm ist dabei die Ernsthaftigkeit des Themas voll bewusst: »Ganz im Ernst: Depressionen sind nicht lustig. Aber besser behandelbar als viele denken.« Er möchte Betroffene ermutigen, zum Arzt zu gehen.

Mittlerweile sind auch die Seelsorger der Kirche sensibilisiert für den Umgang mit depressiv Erkrankten. Man weiß, dass Depressive nicht direkt getröstet oder überzeugt werden können. »Der Appell an den Willen ist fehl am Platze und geradezu unbarmherzig. Denn darin liegt ja gerade die Not des Kranken, dass er mit seinem Willen nichts ­ausrichten kann«, schreibt Christa Tögel im »Handbuch der Seelsorge«. Wichtig sei für Seelsorger wie für Angehörige, »den Kranken mit großer Aufmerksamkeit zu umgeben und ihn nicht sich selbst zu überlassen«. Denn in den Phasen des Beginns und des Abklingens einer Depression sei die Suizidgefahr am größten. Der Seelsorger und Autor Pater Anselm Grün ist davon überzeugt, dass immer die Hoffnung besteht, die Depression durch Medikamente und den Einbezug der sozialen Beziehungen zu lindern.

Und was ist mit dem Glauben? Grün ermutigt die Betroffenen in leisen Tönen dazu, die Krankheit als Passion anzunehmen. Die Depression sei anzunehmen als das Kreuz, das einem von Gott auferlegt ist, schreibt er im Buch »Wege durch die Depression«. Dieses Kreuz werde im Vertrauen auf sich geladen, dass die Kranken auch dort unten, wo nur Leere ist, von Gott gehalten sind. Und dass die Depression auf einen geistlichen Weg zu dem unbegreiflichen Gott führt, der sich gerade am Kreuz Jesu als unendliche Liebe offenbart habe.

Die Psalmen könnten Worte leihen für die Verzweiflung. Etwa der 88. Psalm: »Meine Seele ist gesättigt mit Leid, / dem Totenreich ist nahe mein Leben.« Diese Worte können die Depression ausdrücken und sie zugleich erhellen, schreibt Anselm Grün. »Denn Worte sind von ihrem Wesen her immer Lichtbringer.«

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(Lukas 6,31)

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