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Fällt der Apfel weit vom Stamm

Ein Buch über unfromme Kinder frommer Eltern gewährt überraschende Einblicke in die Folgen christlicher Erziehung
Stefan Seidel
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Unfromme Kinder aus frommen Elternhäusern: Friedrich Engels, Hermann Hesse, Gudrun Ensslin (v.l.). © Fotos: W. E. Debenham; Gret Widmann/Suhrkamp Verlag; dpa-Bildarchiv

Die Erkenntnis des neuen Buches mit dem Titel »Fromme Eltern – unfromme Kinder?« ist nicht eben neu: dass nämlich die Volksweisheit »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm« nicht immer zutrifft. Gerade Sprösslinge aus Pfarrersfamilien neigen bisweilen zu eigenwilligen Wegen jenseits der vorgezogenen Spur.

Matthias Hilbert zeigt in acht spannenden Porträts sogenannter »unfrommer« Persönlichkeiten, wie sie sich auf den ersten Blick von ihrer frommen Kinderstube weit entfernt haben.

Überraschend ist beispielsweise, dass der marxistische Chefideologe Friedrich Engels (1820–1895) aus einem streng pietistischen Elternhaus stammt und selbst in der Jugend ein glühender Verfechter der reinen christlichen Lehre war. Durch die Lektüre der Bücher von David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach wurde er allerdings zum Religionskritiker. Vor allem stieß ihm bitter auf, dass die Ausbeutung der Arbeiter in den Fabriken von Pietisten am schlimmsten war.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Engels schließt sich Karl Marx an und wird zum »Missionar des Kommunismus«. Dabei blieb allerdings seine »protestantisch-eschatologische« Herkunft zeitlebens wirkmächtig. Nicht zuletzt erkennt man sie darin, dass er für ein Paradies auf Erden kämpfte, für die Erlösung von Ausbeutung und die Befreiung der Menschheit.

Noch viel weiter weg vom Stamm ist der Apfel in der Familie Ensslin gefallen. Deutschlands bekannteste Top-Terroristin Gudrun Ensslin (1940–1977) wuchs als Tochter eines evangelischen Pfarrers im Schwäbischen auf und war lange Zeit das, was man eine Vorzeigetochter nennt: klug, anständig, begabt, Violine spielend, Gruppenführerin im Evangelischen Mädchenwerk. Sie hielt Bibelandachten im Gemeindehaus und hatte noch als 22-jährige das Andachtsbuch »Bibelrüste« des Mädchenwerks auf dem Nachttisch liegen. Gleichwohl hat sie auch die Ideale eines politischen Protestantismus eingeatmet, »dass Christentum nicht an der Kirchentür aufhört, sondern soziales und politisches Handeln einschließt«, wie sie einmal schrieb.

Doch dann kam die Lebenswende. Im Studium gerät sie in den Sog der 68er-Bewegung – und in die Abhängigkeit charismatischer Rebellen. Nach und nach versinkt sie immer tiefer in den politischen Aktionen dieser »Außerparlamentarischen Opposition« bis sie an der Seite von Andreas Baader zum führenden Kopf der RAF wird. Sie habe sich, so Hilbert, in einen ideologischen Wahn hineingesteigert, der fast schon paranoid und psychotisch zu nennen ist.

Obwohl vielfach versucht wurde, auch bei Ensslin das Weiterwirken protestantischer Einflüsse – etwa eine Art Rigorismus – aufzuzeigen, zeugt ihre Biografie von dem tragischen Umstand, dass »sich zuweilen außerfamiliäre Einflüsse gesellschaftlicher und ideologischer Art (…) ganz einfach als stärker erweisen können als die innerfamiliären Prägungen und elterlichen Vorbilder«, so Hilbert.

Bei dem Pfarrerssohn Hermann Hesse kann man indessen eine späte Rückkehr zu den frommen Wurzeln des Elternhauses beobachten. Er, der große Freigeist, der sich in schweren pubertären Krisen vom Elternhaus abwandte, spricht am Ende von einer »Rückkehr zum Glauben der Väter« und der zeitlebens nachwirkenden Wärme der Frömmigkeit der Eltern.

Matthias Hilbert:Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler. Edition Chrismon 2017, 232 S., 20 Euro.

 

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