25

Streitfall ungeborenes Leben

Marsch für das Leben: Während die Abtreibungen zunehmen, treffen in Berlin Gegner und Befürworter hart aufeinander. Die Position der Kirche ist dabei nicht ganz eindeutig.
Von Stefan Seidel
  • Artikel empfehlen:
Entschlossen für ein totales Abtreibungsverbot: Zum »Marsch für das Leben« ruft der Bundesverband Lebensrecht jedes Jahr im September auf. Letztes Jahr kamen 4500 Teilnehmer (Bild). © Chr. Ditsch/epd

Wenn am Sonnabend der »Marsch für das Leben« in Berlin startet, sind scharfe Proteste programmiert. Während die Abtreibungsgegner ihre traditionelle Demonstration unter das Motto stellen »Die Schwächsten schützen: Ja zu jedem Kind«, will ein Bündnis vor allem linkspolitischer Kräfte unter der Parole »My body, my choice« (»Mein Körper, meine Wahl«) laut Ankündigung »den christlichen Schweigemarsch stoppen«.

Dabei legt der »Marsch für das Leben« den Finger in eine Wunde: Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche verharrt in Deutschland auf einem hohen Niveau. Im ersten Halbjahr 2017 ist die Zahl der Abtreibungen sogar im Vergleich zum ersten Halbjahr 2016 um zwei Prozent auf 52 200 gestiegen. Dieser getöteten Kinder will der Marsch gedenken – und für ein totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen eintreten. »Wir fordern Politik und Gesellschaft auf, das schreiende Unrecht der Abtreibung zu beenden, Tötung durch Selektion zu verhindern und das erneute Aufkommen der Euthanasie zu stoppen«, so die Organisatoren. Neben einer »Willkommenskultur für jedes ungeborene Kind« fordern sie auch das Verbot der Pränataldiagnostik.

Einige Kirchenführer solidarisieren sich durch Grußworte mit dem Marsch. Dabei lässt sich die offizielle kirchliche Position zu dem Thema nicht auf eine klare Demonstrations-Parole herunterbrechen. In der Erklärung der beiden großen Kirchen mit dem Titel »Gott ist ein Freund des Lebens« heißt es zwar: »Schwangerschaftsabbruch soll nach Gottes Willen nicht sein«. Aber dort steht auch: »Wenn eine Schwangere sich nicht in der Lage sieht, das in ihr heranwachsende Leben anzunehmen, darf ihre Entscheidung, obwohl gegen Gottes Gebot, nicht pauschal und von vornherein als selbstherrliche Verfügung über menschliches Leben verurteilt werden.« Vielmehr sei dies eine »Herausforderung zum Gespräch, zum Mitfühlen und zu tatkräftiger Hilfe«.

In diese Richtung zielt die Schwangerschaftskonfliktberatung, die gesetzlich vorgeschrieben ist und auch von der Diakonie angeboten wird. Laut Gesetz soll diese Beratung zwar dem »Schutz des ungeborenen Lebens« dienen, aber gleichzeitig »ergebnisoffen« geführt werden.

Für Professor Ulf Liedke von der Evangelischen Hochschule in Dresden steckt ein tiefer Sinn in der ergebnisoffenen Beratung. Denn in der schwierigen Konfliktsituation einer ungewollten Schwangerschaft hilft moralischer Druck nicht weiter. Vielmehr solle es darum gehen, »einen Sprachraum zu öffnen, damit die Schwangere, beziehungsweise das Paar ihre Ängste, Fantasien und Befürchtungen aussprechen kann.« Die Beratung könne dabei helfen, die Konfliktsituation durchzuarbeiten und im Stimmengewirr die eigene Stimme zu finden.

Klar müsse allerdings die Folge einer Abtreibung benannt werden: »Dass ein Abbruch bedeutet, gegenüber dem Leben des abgetriebenen Ungeborenen schuldig geworden zu sein«. Gleichzeitig entziehe es sich aber einer letzten Beurteilung von außen, »wenn eine Schwangere nach intensiver Beratung und intensiver Abwägung für sich zu dem Ergebnis kommt: ich kann nicht Mutter dieses Kindes werden«. Da diese Sichtweise beim »Marsch für das Lebens« nicht vorkommt, kann sich Liedke eine Teilnahme nicht vorstellen.

Offener scheint da Landesbischof Carsten Rentzing zu sein. In einem Grußwort an den letztjährigen Marsch schrieb er, dass Gottes Wille gegen eine »Kultur des Todes« stehe, die sich in dieser Welt immer weiter ausbreiten möchte. Er wünscht sich eine Debatte über die Grenzen des Lebens, die von einer »Kultur des Lebens« geprägt sei. Eine solche Debatte scheint am Sonnabend in Berlin nicht möglich zu sein.

Diskutieren Sie mit

25 Lesermeinungen zu Streitfall ungeborenes Leben
Gert Flessing schreibt:
13. September 2017, 14:41

Wer, ohne medizinische Notwendigkeit, ein Kind abtreiben lässt, wird schuldig.
Wir leben nicht mehr im Mittelalter, und jeder junge Mensch weiß, theoretisch, wie man eine Schwangerschaft verhüten kann. Es wundert mich daher immer noch, das es "ungewollte" Schwangerschaften gibt.
Die Zeugung von Kindern ist nichts, was "zufällig" geschieht. Wer das meint, schwätzt schlicht dumm.
An der Parole der Abtreibungsgegner stört mich schon, dass die nicht einmal fähig sind, Deutsch zu reden. Oder wollen die nicht, das man begreift, was sie meinen?
Ja! Der Körper der Frau ist ihrer und nur ihrer - bis sie es zugelassen hat, meist gemeinsam mit einem männlichen Wesen, das sich in diesem Körper ein keiner Mensch befindet. Dann ist ihr Körper die Wohnung neuen Lebens. Dann gehört er auch diesem kleinen Menschen. Dann ist die "Entsorgung" dieses kleinen Menschen eine Tat, die zum Himmel schreit und es ist ebenso eine Vergewaltigung des Körpers der Frau. Dieser Körper hat sich ja darauf eingestellt, Herberge des Lebens zu sein. Nur ihr Geist, ist es, der rebelliert.
Ich will nicht sagen, das es leicht ist, ein Kind in diese Welt hinein zu entlassen. Aber gerade in Deutschland leben wir nicht in so furchtbaren Verhältnissen, das es nicht möglich ist, es gut heran wachsen zu lassen.
Gert Flessing

Tommy schreibt:
13. September 2017, 20:51

Sehr geehrter Herr Flessing, sicher meinen Sie die Parole der AbtreibungsBEFÜRWORTER, die Sie stört. Mich stört - außer des hunderttausendfachen Kindermordes - daß dieser noch dazu von den Krankenkassen vollständig bezahlt wird, auch bei Familien, die ein gutes Einkommen haben. Um eine Hilfe für geborene Kinder zu bekommen, muß man fast einen Offenbarungseid leisten, hier wird einfach so gezahlt. Auch die "ergebnisoffene" Beratung ist äußerst fraglich, sicher gibt es auch wirklich gute Berater und Beraterinnen, doch habe ich da zum allergrößten Teil negative Berichte gehört.
Eine Abtreibung bringt eben auch deutlich mehr ein als eine Entbindung. Heute töten wir unsere Kinder, die uns nicht in die Lebensplanung passen, morgen brauchen wir dann eine Hormonbehandlung und künstliche Befruchtung, da Frauen über 40 ja nicht mehr so einfach schwanger werden, und übermorgen bringen wir dann unsere Eltern um, da diese alt und krank sind. Und leider, leider vergißt unsere Kirchenleitung das Gebot "DU SOLLST NICHT TÖTEN". Neulich las ich in einer Umfrage, daß fast 30 % der Theologiestudentinnen während ihres Studiums ein Kind abgetrieben haben. Da wundert mich die Haltung unserer Landeskirche dann auch nicht mehr!!! Letztes Jahr durfte der Abschlußgottesdienst des "Marsch für das Leben" nicht in einer evangelischen Kirche gefeiert werden.
Tommy

Johannes schreibt:
13. September 2017, 22:22

Da erlaube ich mir nun doch einen Gedanken zu äußern, den ich seit langer Lektüre der Foren mit mir herumtrage. Ich lese im Artikel:

»Wir fordern Politik und Gesellschaft auf, das schreiende Unrecht der Abtreibung zu beenden, Tötung durch Selektion zu verhindern und das erneute Aufkommen der Euthanasie zu stoppen«, so die Organisatoren. Neben einer »Willkommenskultur für jedes ungeborene Kind« fordern sie auch das Verbot der Pränataldiagnostik."

Ich stelle fest, dass Schreiber/innen gegen eine Willkommenskultur" für Fremde dies damit begründen, dass es ein krimineller Verstoß gegen geltende Gesetze wie Dublin 1 u. 2, die Genfer Konvention, das deutsch Asylrecht usw. sei. Dass man z.B. Dublin als schlimmes Unrecht gegen die Grenzländer Europas ansehen kann und als beispiellosen Egoismus der Länder ohne europ. Außengrenze, spielt dabei anscheinend keine Rolle.
Dass die Schwangerschaftsabbrüche (wie man sie auch immer bewerten mag) gesetzlich geregelt sind, führt zu der Forderung, dass eben diese Gesetze abgeschafft werden müssen. - Wenn jemand aber fordert, dass "Dublin" abgeschafft oder wenigstens ausgesetzt werden müsse, weil dass sowohl schlimmes Unrecht gegen die Grenzländer als auch gegen Flüchtlinge sei, wird er zumindest verständnislos angestarrt, eher aber der Unterstützung einer volksverräterischen Umvolkungspolitik bezichtigt.
Wer erklärt mir bitte, wieso Gesetze über Schwangerschaftsabbruch abgeschafft werden müssen, Gesetze aber, die das Leben vieler Außereuropäer gefährden, als heilige Gebote geschützt werden müssen. Was ist der Maßstab, mit dem über Abschaffen oder Bewahren von Gesetzen entschieden wird?
fragt Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
14. September 2017, 15:32

Herr Lehnert, da erlaube ich mir nun doch einen Gedanken zu äußern, Ihre "Gedanken" sind, gelinde gesagt, mehr als merkwürdig!

Johannes schreibt:
15. September 2017, 10:29

Lieber Herr B.,
freut mich außerordentlich, dass Sie meine Gedanken als sehr würdig ansehen, gemerkt zu werden. Dann merken Sie sich die Gedanken doch. Und wenn Sie das auch noch gelind sagen können (also ohne Häme) sehen: Sehr schön!
J.L.

Gert Flessing schreibt:
14. September 2017, 19:22

Lieber Herr Lehnert,
es gibt in unserem Land sehr wohl auch eine Willkommenskultur für fremde Menschen. Jeder Mensch, der bereit ist, unser Land friedlich mit zu gestalten, sich hier einzubringen, ist willkommen.
Jeder Mensch, der vor Krieg und Gewalt in seiner Heimat flieht, weil er dem nichts entgegen zu setzen hat, ist, bis dort wieder Frieden herrscht, willkommen. Er darf, als Gast, in unserem Land, wieder zu sich selbst finden.
Ich hoffe, dass Sie mir zustimmen, wenn ich davon ausgehe, das, in dem Moment der Zeugung, ein neues Menschenleben da ist.
Was dann folgt, ist nur das Wachsen und Reifen.
Gut, es gibt ein Gesetz, das die Abtreibung und damit die Tötung des Kindes ermöglicht.
Gut, ich unterscheide mich von den Menschen, die ganz radikal sind, indem ich der Meinung bin, das Pränatal Diagnostik erlaubt sein soll. Ich bin ebenso der Meinung, das, wenn das Leben der Mutter akut bedroht ist, eine Entscheidung gegen das Kind gefällt werden kann.
Dublin hatte die Aufgabe, Flüchtlinge zunächst einmal in dem Land, in dem sie europäischen Boden betreten zu erfassen und einem geordneten Asylverfahren zuzuführen.
Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob die Grenzländer dazu fähig waren.
Ich glaube nicht, das Dublin das Leben von Außereuropäern gefährdet, wenn es konsequent, ordentlich und effizient angewendet wird.
Eine Verteilung von Flüchtlingen, die ein Aufenthaltsrecht haben, kann anschließend erfolgen. Flüchtlinge, die kein Aufenthaltsrecht bekommen, können aus Grenzländern wesentlich einfacher abgeschoben werden.
Was nun das ungeborene Leben anbelangt, so wäre es gut, wenn wir hier, in unserem Land einen Kultur schaffen würden, die Kinder wirklich willkommen heißt, Eltern hilft und, als Gemeinschaft, dafür sorgt, das Menschen heranwachsen, die wissen, dass sie Teil unseres Volkes und geliebt sind.
Gert Flessing

Tommy schreibt:
14. September 2017, 20:55

Sehr geehrter Herr Lehnert, ich kann im Sonntag - Text nichts über Dublin und EU Grenzen lesen, das ist doch etwas ganz anderes. Kann man den direkten brutalen Mord an einem wehrlosen, hilflosen Menschen "gesetzlich regeln"???
Kann man diesen Mord mit der - von den EU Ländern vereinbarten - Asylantragsregelung vergleichen - was haben beide miteinander zu tun???
Tommy

Johannes schreibt:
15. September 2017, 10:17

Lieber Tommy,
da sind Sie noch nicht lange genug dabei, oder Ihr Gedächtnis trügt. In den Foren der Kirchenzeitung wird sehr wohl gegen Flüchtlinge so argumentiert, dass nach Dublin 1u.2 sie hier nichts zu suchen hätten, weil Deutschland nicht ihr Erstkontakt mit Europa sei. Sie müssen dahin zurück, weil das Gesetz es so will. Das Gesetz gilt als Argument gegen "Willkommenskultur" für Flüchtlinge, auch aus Krisengebieten und Krisengebieten mit Folter und Mord.
Dieselben Leute vertreten ein "Willkommenskultur" gegenüber ungeborenem Leben. Das ist natürlich recht so. Und wenn Gesetze den Schwangerschaftsabbruch erlauben, sagen die Abbruchgegner, müssen diese Gesetze geändert werden.
Meine Beobachtung heißt:
Einmal sind Gesetze gut, um unerwünschte Ausländer fernzuhalten. Die strikte Einhaltung der Gesetze wird gefordert.
Einmal sind Gesetze schlecht, wenn sie den Schwangerschaftsabbruch ermöglichen. Die radikale Änderung der Gesetze wird gefordert.
Meine Frage lautet:
Was ist der Maßstab, nach welchem Obengenannte einmal strikte Einhaltung der Gesetze, ein anderes Mal radikale Änderung der Gesetze fordern?
Johannes Lehnert

Beobachter schreibt:
16. September 2017, 23:18

Und wenn Sie es noch zehnmal wiederholen, es wird dadurch nicht besser!
Siehe oben!

Tommy schreibt:
17. September 2017, 20:41

Sehr geehrter Herr Lehnert, da bin ich wohl noch nicht so lange dabei. Mir geht es hier ganz konkret um den Mord an den schwächsten, die keine Lobby hinter sich haben. Absichtlich ein Leben zu beenden, ist Mord, wer dies tut, ist ein Mörder. Es gibt ganz wenige Gründe, dies nicht so zu nennen, doch was kann das Kind dafür??? Das Gesetz zur Kindestötung war von Anfang an falsch,wurde aber durchgedrückt, weil viele Lobbygruppen daran verdienen. An den "Ausländern" verdient niemand... Das Abtreibungsgesetz ist ein Zugeständnis an die "DDR", dort war es ja seit einigen Jahren schon Praxis.
Tommy

Seiten

Tageslosung

Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen.

(Joel 3,1)

Petrus sprach: Da Jesus nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.

(Apostelgeschichte 2,33)

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Eibenstock
  • Frauenkreis
  • Gemeindehaus
  • , – Dresden
  • Konzert
  • Kirche Leubnitz-Neuostra
  • , – Leipzig
  • Orgelmusik
  • Michaeliskirche
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Bischof #Rentzing wirbt zum bevorstehenden Jüdischen #Neujahrsfest für christlich-jüdischen Dialog https://t.co/TNsxoq6Rns
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Der Dresdner #Kreuzchor hat einen neuen Chordirigenten: Wolfgang Behrend folgt auf Peter Kopp https://t.co/SmBVlxyCkO @Kreuzchor_News
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Dresdner Verein #Sukuma arts erhält ökumenischen Preis von @BROT_furdiewelt https://t.co/rzDFDR9DcD
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
»Kirche und Großstadt« ist das Thema der #Stadtkirchenkonferenz der @EKD ab Sonntag in Leipzig https://t.co/37vYyL6byz
vor 4 Tagen