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Hauptsache heile Familie?

Weihnachtsdruck: Schöne Geschenke, schöne Stimmung– die Erwartungen sind im Advent so hoch, dass man oft nur an ihnen scheitern kann. Doch die Weihnachtsbotschaft hält dem etwas entgegen.
Andreas Roth
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© Foto: Gino Santa Maria/Fotolia

Es ist merkwürdig: Millionen Familien versuchen Jahr für Jahr im Advent das nachzuholen, was der biblischen Familie verwehrt blieb: Gemütlichkeit, Geborgenheit, Harmonie. Wenn schon keine heilige Familie, wollen viele doch wenigstens eine heile Familie haben. Wenigstens zu Weihnachten. Nicht selten endet das in Enttäuschung und Tränen.

»Es weihnachtet sehr«, sagen dann auch die Familienberaterinnen der Diakonie im Vogtland. Sie lassen ihre Beratungsstellen nach den Weihnachtsfeiertagen deshalb geöffnet. »In dieser Zeit gibt es einen erhöhten Beratungsbedarf, denn da spitzen sich familiäre Krisen oft zu«, weiß Ellen Stengel, die Leiterin der diakonischen Familienberatungsstellen im Vogtland. Im Advent und zu Weihnachten rücken die Familien eng zusammen. Manchmal zu eng. Dazu noch die Traditionen: dies und jenes muss eingekauft und gekocht werden, dieser und jener will eingeladen werden. Und alle Augen sollen glänzen.

»Viele werden überrollt durch die Erwartung, alles perfekt tun zu wollen«, sagt die Familienberaterin Ellen Stengel. »Das lastet oft besonders auf den Frauen. Man will alles gut machen – aber die Freude kommt nicht auf, weil alles mit Druck verbunden ist.«

Auch in den Gesprächen der Telefonseelsorge ist das zu spüren. »Die Realität in vielen Familien ist das ganze Jahr über nicht nur voller Frieden und Liebe – aber weil das die Kernbotschaft des Weihnachtsfestes ist, sind die Erwartungen in der Advents- und Weihnachtzeit so hoch«, sagt Horst Kleiszmantatis, der Leiter der Zwickauer Telefonseelsorge. Über 40 Anrufe erhalten seine ehrenamtlichen Mitarbeiter jeden Tag, auch in den Advents- und Weihnachtstagen. Oft hören sie nur zu. Aber manchmal, wenn es dem Anrufer helfen könnte, lesen sie auch ein Stück aus der Weihnachtsgeschichte vor oder singen am Telefon ein Weihnachtslied.

»Gott ist doch nicht in eine heile Welt gekommen«, sagt Horst Klei­szmantatis, »sondern in eine unheile. Wir wollen es manchmal nur nicht wahrhaben.«

Auch der Advent wird verkannt. In den Augen vieler Menschen steht er für Trubel und Stress – dabei will er ein Medikament sein gegen das menschliche Hamsterrad. »Advent ist doch eine Zeit der Vorfreude auf etwas Neues, auf eine Geburt«, sagt die Plauener Familienberaterin Ellen Stengel. »Man könnte sich da auf die kleinen Dinge konzentrieren und sie nicht groß beladen – sondern einander Zeit schenken.« Auch Möglichkeiten des Rückzuges. Und die Traditionen mutig neu gestalten, wenn sie zu Stress und Druck werden.

Schwibbögen, Kartoffelsalat, Weihnachtsmette und allerlei Weihnachtsfeiern schon im Advent: Die Sachsen lieben die Bräuche. »Doch weniger wäre manchmal vielleicht auch mehr«, sagt Horst Kleiszmantatis, der zuvor viele Jahre als Gemeinschaftsprediger im erzgebirgischen Gornau gearbeitet hat. »Um sich auch etwas Zeit zum Luftholen zu gönnen.« Auch für das, was Gott Weihnachten eigentlich zu sagen hat.

Barmherzig mit sich selbst zu sein, mit all den eigenen Fehlern und mit denen der anderen in einer Familie – das empfiehlt die Familienberaterin Ellen Stengel als ein Rezept gegen den adventlichen Perfektionsdruck. Es steckt schon in der Botschaft Jesu.

Als Ellen Stengel ein Weihnachtsfest allein mit ihrem Sohn feiern musste und das Blitzeis selbst Einkäufe in allerletzter Minuten verhinderte, stand sie ohne Festessen und Traditionen da. Und mit einer großen Enttäuschung. Doch als andere Menschen davon hörten, kamen plötzlich viele gefüllte Kochtöpfe zu ihr. »Dieses Weihnachten werden wir nie vergessen«, sagt sie. »Es hat ganz viele Verbindungen gebracht, ganz viel angerührt und bewegt.«

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