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Wie ein Kaufhaus ohne Kunden

Markus Geiler (epd)
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Christian Wolff
Der langjährige Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff sieht die Kirche in der Krise, dies mache das Reformations-Jubiläum sichtbar.

Zur Halbzeit des Reformationsjubiläums-Festjahres macht sich Ernüchterung breit. Die erhofften Besuchermassen bleiben bislang aus, die Kirchentage in Berlin und Mitteldeutschland zündeten nicht richtig. Kritiker sehen die Kirche in einer Krise:

Es war der Höhepunkt für die deutschen Protestanten im Jahr 2008: Vor 2000 Besuchern und mit viel Polit- und Kirchenprominenz eröffneten am 21. September die evangelischen Kirchen in Lutherstadt Wittenberg feierlich die Lutherdekade zum 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017. In den kommenden zehn Jahren sollten die Reformation und ihre weltweiten Auswirkungen in das Bewusstsein breiter Gesellschaftsschichten hineingetragen und verankert werden.

Krönender Abschluss der Dekade sollte das Jubiläumsjahr 2017 sein, mit Tausenden Veranstaltungen bundesweit, zig großen und kleinen Ausstellungen, mit einem Touristenboom aus der ganzen Welt und als Höhepunkt dem Deutschen Evangelischen Kirchentag mit Hunderttausenden Teilnehmern in Berlin und Wittenberg.

Gefeiert werden sollte damit ein weltbewegendes Ereignis: Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, soll der Reformator Martin Luther (1483–1546) seine legendären Thesen zur Erneuerung der Kirche an die Wittenberger Schlosskirche genagelt haben. Es war der Startschuss zu massiven kirchlichen und auch politischen Umwälzungen in der ganzen Welt.

Groß war die Hoffnung, dass sogar der Papst im Jubiläumsjahr nach Deutschland kommt, um einen Aussöhnungsprozess zwischen Katholiken und Protestanten zu krönen. Er kam zur Eröffnung des Festjahres am 31. Oktober 2016 zwar ins schwedische Lund, nicht aber nach Deutschland. Ende vergangenen Jahres freute sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, dennoch über die große öffentliche Aufmerksamkeit für das Jubiläum: Der Reformations-Truck werbe in 19 Ländern mit »sehr guter Resonanz« für das Ereignis, die eigens neu übersetzte Lutherbibel sei ein Verkaufsschlager und bereits restlos ausverkauft. Das sei ein Zeichen dafür, wie aktuell die christliche Botschaft sei und wie sehr die Menschen deren Orientierung aufsaugten.

In großer Erwartung blickte die evangelische Kirche deshalb auf die Feierlichkeiten 2017. Höhepunkt sollte der große Open-Air-Gottesdienst am 28. Mai auf den Elbwiesen bei Wittenberg sein als gemeinsamer Abschluss des Kirchentags in Berlin und der sechs mitteldeutschen »Kirchentage auf dem Weg«. Gerechnet wurde ursprünglich mit rund 200 000 Besuchern.

Nun, im Sommer, macht sich Ernüchterung breit. Die Besucherzahlen der Kirchentage blieben vor allem in Mitteldeutschland weit unter den Erwartungen, massenhafte Touristenströme nach Wittenberg, wo es neben den Originalschauplätzen im Reformationssommer auch eine von den Kirchen initiierte Weltausstellung zu besichtigen gibt, bleiben aus. Besonders deutlich zeigte sich die Besucherlücke beim »Kirchentag auf dem Weg« in Leipzig. Gerechnet wurde ursprünglich mit 50 000 Interessenten, tatsächlich kamen um die 15 000. Selbst eine Bibelarbeit mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) fand weitgehend vor leeren Stühlen statt.

Insgesamt 160 Sonderzüge setzte die Deutsche Bahn am 28. Mai zwischen Berlin und Wittenberg und Leipzig und Wittenberg ein, um die Hunderttausenden Kirchentagsbesucher zum gemeinsamen Abschlussgottesdienst auf die Elbwiesen zu bringen. Tatsächlich nutzten 60 000 Menschen das Bahn-Angebot, wie der zuständige Bahnsprecher Holger Auferkamp sagt. Viele Züge blieben leer, wie auch weite Teile des 40 Hektar großen Gottesdienst-Areals auf der Elbwiese. 120 000 Gottesdienstbesucher zählten die Veranstalter dann trotzdem. Wegen des schleppenden Vorverkaufs von Kirchentags- und Bahntickets waren in den Wochen zuvor die Besucherzahlen bereits nach unten korrigiert worden.

Auch von den drei nationalen Sonderausstellungen zum Jubiläum hat nur »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach bislang über 120 500 Interessierte angezogen. »Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« in Wittenberg meldete bislang rund 48 600 Besucher, »Der Luthereffekt im Berliner Martin-Gropius-Bau« nur über 30 000.

Zur Halbzeit des Reformationsjahres geht der langjährige Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff deshalb mit seiner Kirche hart ins Gericht. Der streitbare Theologe sieht die evangelische Kirche in einer »dramatischen Krise«, die durch das Jubiläum »ungewollt sichtbar geworden ist«. Die Kirche komme ihm vor wie ein großes Kaufhaus ohne Kunden.

Viele der Gemeinden vor Ort hätten ihre Mitarbeit an Jubiläum und Kirchentag verweigert, weil sie daran keinen Sinn sehen, auf der einen Seite seit Jahren »auszubluten« und dann einen Kirchentag feiern zu sollen, der wegen des Jubiläums fremdbestimmt wird, sagt Wolff. Nicht eine einzige Kirchentagsfahne sei in Leipzig zu sehen gewesen, kritisiert der Pfarrer, und wirft der evangelischen Kirche Profillosigkeit vor. Wenn sie so weiter mache, verliere sie den Anschluss an die nächste Generation.

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15 Lesermeinungen zu Wie ein Kaufhaus ohne Kunden
Beobachter schreibt:
18. Juli 2017, 13:00

Geht es eigentlich noch scheinheiliger?

Johannes schreibt:
18. Juli 2017, 13:17

Lieber Christian,
sicher hast Du recht mit Deiner Analyse: "Viele der Gemeinden vor Ort hätten ihre Mitarbeit an Jubiläum und Kirchentag verweigert, weil sie daran keinen Sinn sehen, auf der einen Seite seit Jahren »auszubluten« und dann einen Kirchentag feiern zu sollen, der wegen des Jubiläums fremdbestimmt wird, sagt Wolff. Nicht eine einzige Kirchentagsfahne sei in Leipzig zu sehen gewesen, kritisiert der Pfarrer, und wirft der evangelischen Kirche Profillosigkeit vor. Wenn sie so weiter mache, verliere sie den Anschluss an die nächste Generation."
Aber nun bleibt die Frage: Was können wir, die wir noch in ihr sind, Effektives gegen den Anschlussverlust tun?

Mit herzlichem Gruß
Johannes

Gert Flessing schreibt:
18. Juli 2017, 16:53

Lieber Herr Lehnert,
vielleicht sollten wir damit beginnen, wieder Kirche zu sein?
Nicht Kirche für andere uns anderes, sondern einfach Kirche, die eben jene Gnade verkündet, die wir unter dem Kreuz Jesu finden.
Chiara Lubich, Gründerin der Focolare Bewegung schrieb u.a.: "Gott, der die Liebe ist, begegnet uns im gekreuzigten und verlassenen Jesus, dem wir seinerseits in all unseren Nöten, Abgründen, Sünden, begegnen können. Wie auch in denen der anderen..."
Das ist uns doch irgendwie verloren gegangen, in den letzten Jahrzehnten. Ich habe die Frau, das war noch zu Zeiten der DDR, in Berlin, in Sankt Hedwig, erleben können. Sie und ihre Art, das Evangelium zu leben, ist zutiefst inspirierend gewesen.
Natürlich ist das, was dort geschieht, auch gelebte Nächstenliebe. Aber sie wird nicht losgelöst vom Kreuz gelebt, sondern von ihm her getrieben und gestärkt.
Heute hatte ich ein sehr ernstes Gespräch mit einer jungen Frau, einst Konfirmandin von mir, jetzt in den USA lebend, die sich sorgt, das ihr verstorbener Vater, bei Gott, verloren ist, weil er sich nicht zu Jesus bekannte. Ich habe ihr gesagt, das sie, für ihn, unter das Kreuz treten kann und um Gnade bitten. Weil Gottes Liebe größer ist, als das Versagen von einzelnen Menschen und weil der Glaube, der Gott, in dem gekreuzigten und verlassenen Jesus, vertraut, auch in dieser Hinsicht Berge versetzen kann.
Wir haben schon eine Aufgabe. Aber sie ist nicht unbedingt da, wo mancher sie sucht, oder doch nicht, ohne sich vorher des eigentlichen Fundamentes zu vergewissern.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
20. Juli 2017, 9:56

Lieber Herr Flessing,

höre ich bei Ihnen einen Widerstand heraus gegen die Erkenntnis Bonhoeffers: "Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie Kirche für andere ist"? - Und für Bonhoeffer war dieses "Kirche für andere-Sein" immer Denken und Handeln auf dem konkreten, politischen Hintergrund. Das gipfelte einerseits in dem Satz: "Nur wer für die Juden schreit, darf Halleluja singen" und im anderen darin, dass er sein "Beten und Tun des Gerechten" mit dem Tode bezeugt hat. Und dass er in der Hölle der scheinbaren Gottverlassenheit, auf dem Wege zu Galgen, sagen konnte: "Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens!"
Ein Satz, den er 1943 aus dem Militärgefängnis Tegel schrieb, lautet: "Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben." - Das beschreibt für mich authentisches Christsein, das auch so verkündigt werden sollte.
Mit freundlichen Grüßen
Johannes Lehnert

Gert Flessing schreibt:
20. Juli 2017, 17:42

Lieber Herr Lehnert,
schreibt denn Bonhoeffer aus Tegel etwas so sehr anderes, als das, was Chiara Lubich sagte? Doch ich bin davon überzeugt, das nicht die weltliche Seite seines Denkens und Handelns das war, was ihn zuerst antrieb, sondern eben jenes Leiden Gottes, das im leidenden und nach Gott schreienden Jesus, für uns sichtbar wird.
Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere, als Kirche Jesu Christi, erkennbar wird. Dazu gehört das Kreuz. Es ist unser Ausgangspunkt, hinein in die Welt. Hier sehe ich auch den Hintergrund für jene letzten Worte auf dem Weg zum Galgen.
Wir leben, im Vergleich zu Bonhoeffer und auch im Vergleich zu den Anfängen der Focolare - Bewegung, in "komfortablen" Zeiten. Wir sind nicht von Krieg und Gewalt bedroht.
Sollten wir nicht genau deshalb auch die Kraft finden, in unserer Verkündigung und in unserem Handeln deutlich zu machen, das wir eben von jenem Kreuz her kommen, an dem Jesus das Leid der Welt durchlitt und uns den Kern der Gerechtigkeit, die wir leben können, gab?
Gert Flessing

Johannes schreibt:
21. Juli 2017, 9:33

Lieber Herr Flessing,

da sind wir doch gar nicht über Kreuz. Ich hatte mich nur an Ihrer Aussage, dass wir nicht Kirche für andere, sondern einfach nur Kirche sein sollten. Das klang für mich wie Rückzug. Dass Sie die Fokolare-Bewegung als nachzuahmendes Beispiel benannten, schien mir dazu im Widerspruch zu stehen. Möglicherweise habe ich Sie missverstanden. - Bei Wikipedia lese ich: "Charakteristisch für die Fokolare ist ihr Engagement als Christen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft." Wenn Sie das auch so sehen, gibt an dieser Stelle überhaupt keinen Reibungspunkt.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Lehnert

Johannes schreibt:
21. Juli 2017, 10:54

Pardon: "...nur Kirche sein sollten, g e r i e b e n ." - " ...,gibt e s an dieser..."

Gert Flessing schreibt:
21. Juli 2017, 21:23

Lieber Herr Lehnert,
wir sind nie "einfach nur Kirche". Wir leben ja in dieser Welt und mögen wir geistlich schon beim Vater zuhause sein, so sind wir dennoch ganz hier.
So wir Jesus ganz hier war, bis "zum Tode, ja zum Tode am Kreuz."
Wenn in den vierziger Jahren junge katholische Frauen in Italien dieses erkannt haben und sich, als Zeichen der Einheit, um diesen, wie sie es nannten, "verlassenen Christus" sammelten, um aus ihm und in ihm, Einheit zu leben, so bedeutete das immer auch, zu denen zu gehen, die es noch schlimmer getroffen hatte. Immer aber war ihr Ausgangspunkt Jesus. Immer war er es, um den sie sich sammelten, von dem sie Kraft bekamen und auch manche Hilfe.
Ich denke an Bitten um Milchpulver u.ä. Gebete um alltägliche dinge, die gebraucht wurden und die sich anfanden.
Wer mich kennt, weiß um meine Skepsis, was Wunder anbelangt. Das, obwohl ich weiß, das Gottes Wege durchaus wunderbar sind. Aber dieser Frau kaufte ich ihre Erfahrungen ab und auch die Tiefe der Hingabe an Jesus.
Gleichzeitig rief sie immer auch dazu auf, die Schönheit des Lebens und der Schöpfung nicht zu verdammen. Kunst, Kultur, die schönen Dinge, sind Gaben Gottes. Gott gibt sie uns, damit wir uns daran erfreuen. Diese Freude sollen wir teilen und auch das Schöne, das Genussvolle.
Engagement ja, aber nicht, wie es oft hier zu finden ist, mit deutscher Verbissenheit, wollsockig und bieder, das nach Kernseife riecht und an Genickschussknoten denken lässt.
Sie selbst war eine sehr kultivierte und gut gekleidete und frisierte alte Dame. Sie lachte gern, auch bei dem Vortrag, den ich damals hörte. So etwas finde ich toll. Wenn man näher hinschaut, ist der Einsatz für Gerechtigkeit da und das Engagement für die Gesellschaft. Aber auf eine feine und zivilisierte Art.
Na ja, wie man es eben bei manchen Menschen der mediterranen Welt so finden kann.
Gert Flessing

Gert Flessing schreibt:
18. Juli 2017, 14:25

Ja, lieber Herr Wolff, profillos ist eine Kirche, die sich in Debatten zerreibt, die rein weltlicher Natur sind.
Egal ob "die Ehe für alle" oder die Frage, ob es einen Unterschied zwischen Kriegs- und anderen Flüchtlingen gibt, oder ob Luther nun ein großer Reformator oder ein mieser Judenhasser war oder gar, ob wir, als Kirche noch mehr Gemeinden zusammen legen sollten.
Wo ist das Wort vom kreuz? Wo ist das Wort von der Gnade, die derjenige findet, der Gott und dem Kreuz Jesu, vertraut?
Wo ist die deutliche und laute Solidarität mit den koptischen Geschwistern, die unter der Verfolgung durch den Islam leiden?
Mich wundert es nicht, das sich viele Menschen nicht auf den Weg machen zu Veranstaltungen, die ihnen nicht das klare Profil der Kirche Jesu und die Hoffnung, die er darstellt, deutlich machen.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
18. Juli 2017, 20:32

Mich wundert es auch nicht. Wenn ich eine politische (Hetz)Rede hören wollte ginge ich gleich zur Parteiversammlung!
Herr Johannes, Sie schreiben von "noch"? Tragen Sie sich auch schon, wie immer mehr Leute, mit Austrittsgedanken?

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