Jung, frei, freiwillig
Was heute Freiwilliges Soziales Jahr heißt, begann vor 60 Jahren als Diakonisches Jahr – weil es an Mitarbeitern fehlte. Heute wollen sich junge Menschen darin in sozialen Berufen ausprobieren – und entdecken ungeahnte Stärken.
Die Schule ist aus – für immer. Die große Freiheit lockt. Oder doch vielleicht die große Freiwilligkeit? Tausende junge Leute entscheiden sich in Deutschland jedes Jahr für einen sozialen Freiwilligendienst. Allein beim Diakonischen Werk der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens sind jährlich 120 Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu besetzen.
Sozialer Freiwilligendienst ist eine Erfolgsgeschichte – und eine evangelische Erfindung. Vor 60 Jahren rief Hermann Dietzfelbinger, Leiter der Diakonissenanstalt Neuendettelsau in Mittelfranken, erstmals zum Freiwilligen Diakonischen Jahr auf. Junge Frauen sollten in den Nachkriegsjahren dazu beitragen, den Mitarbeitermangel in den diakonischen Einrichtungen zu lindern. Aber hinter der Idee steckte nicht nur Personalnot. »Von Anfang an war es erklärtermaßen auch Ziel, jungen Menschen soziale Bildung für ihre weitere Lebenspraxis zu vermitteln«, sagt Christian Schönfeld, Direktor der Diakonie Sachsen.
Der Aufruf war so erfolgreich, dass bald andere Kirchen und soziale Träger mit eigenen Programmen nachzogen. In der DDR bot das Diakonische Jahr jungen Christen eine Nische, in der sie nach ihren Überzeugungen leben und gleichzeitig soziale Hilfe leisten konnten. Die Bundesrepublik verabschiedete 1964, vor 50 Jahren also, das Gesetz zur Förderung eines Freiwilligen Sozialen Jahres.
Dieses Doppeljubiläum – 60 Jahre Diakonisches Jahr und 50 Jahre Gesetz zur Förderung des Freiwilligen Sozialen Jahres – griff die Diakonie Sachsen anlässlich des Abschlusstages ihrer 120 FSJ-ler in Dresden auf. Die jungen Leute ließen nicht nur ihr zurückliegendes Soziales Jahr Revue passieren, sondern hatten auch Präsentationen und Sketche zur Geschichte des Diakonischen Jahres vorbereitet.
Längst ist das Diakonische Jahr nicht mehr nur Frauen vorbehalten. Sie stellen zwar mit etwa 60 Prozent immer noch den größten Teil der Freiwilligen, doch langsam gleicht sich das Zahlenverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Teilnehmern aus.
Heute steht auch die Religion nicht mehr so sehr im Mittelpunkt wie vor Jahrzehnten. Häufiger als früher sehen die jungen Erwachsenen das FSJ als Berufsvorbereitung. Oberkirchenrat Schönfeld warnt: »Es ist wichtig, Freiwilligendienste nicht zu verzwecken und ihre geistlichen Wurzeln nicht in Frage zu stellen.«
Zeit für Reflexion, Gemeinschaftserlebnisse und religiöse Bildung bieten die 25 Seminartage, die Teil jedes Diakonischen Jahres sind. »Die Seminare sind eine sehr intensive Zeit«, sagt die 20-jährige Johanna im Rückblick. Die Dresdnerin absolvierte ihr Diakonisches Jahr im Kreißsaal eines Krankenhauses. Die Erfahrung bestärkte sie in ihrem Wunsch, Hebamme zu werden. »Jetzt weiß ich: Das will ich und das kann ich gut.«
Ähnliche Erfahrungen machte die 19-jährige Jessica aus Leipzig. Sie arbeitete elf Monate lang als Freiwillige in einer Behinderteneinrichtung und will nun Sonderpädagogik studieren. »Der Freiwilligendienst ist eine einmalige Chance, sich ohne Druck auszuprobieren. Das ist sehr entspannend«, fasst Johanna ihre Erfahrungen zusammen.
Dass junge Menschen durch das Diakonische Jahr ihre Fähigkeiten kennenlernen, stellt Tilmann Beyer, Leiter des Referats Freiwilligendienste bei der Diakonie, immer wieder fest. So trauen sich bei der Bewerbung nur wenige die Arbeit mit alten oder behinderten Menschen zu. »Wer sich nach dem Beratungsgespräch trotzdem darauf einlässt, entdeckt während des Jahres bei sich selbst oft ungeahnte Stärken«, so Beyer. Diakoniedirektor Schönfeld nahm den Abschluss- und Jubiläumstag zum Anlass, sich bei den Freiwilligen zu bedanken: »Sie tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft eine menschliche Gesellschaft bleibt.«
Impressionen vom Elbe-Tauffest
Impressionen vom Elbe-Kirchentag in Pirna
Festtag 100 Jahre Glaube + Heimat
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