Gedächtnis in Gefahr
In den Archiven von Sachsens Kirchgemeinden liegen wertvolle Geschichtszeugnisse – doch sind sie oft bedroht durch unsachgemäße Lagerung. Ein Zentralarchiv aber ist der Kirchenleitung zu teuer.
Als er den Wind durch die auf einem Kirchturm in einem Nachbardorf lagernden Akten pfeifen sah, war es für den Großhennersdorfer Pfarrer Alexander Wieckowski Zeit zum Umdenken: Seitdem ist er für ein professionelles Archiv der Landeskirche. In seiner eigenen Oberlausitzer Kirchgemeinde hat der Theologe und Kirchenhistoriker alle alten Akten registriert, vom zerfressenden Metall befreit und sorgsam eingelagert. Zwei Jahre hat er dafür gebraucht. Alexander Wieckowski weiß: Viele Kirchgemeinden haben weder Kraft noch Zeit dafür.
Jahrhunderte alte Akten in finsteren Ecken auf Dachböden, in Kirchtürmen, in Logen von Dorfkirchen, im Winter dem Frost ausgesetzt und im Sommer der Sonne – Judith Raue sieht so etwas nicht selten in den über 200 Archiven in ostsächsischen Kirchgemeinden, die sie betreut. »Massiver Schimmelbefall kommt leider auch häufig vor«, sagt die Archivpflegerin des Regionalkirchenamtes Dresden.
Nur 15 Prozent der Gemeindearchive in der Landeskirche lagern nach einer Erhebung ihrer vier Archivpfleger in geeigneten Räumen – der Rest ist bloß zeitweise günstig für das wertvolle Erbe oder widerspricht gar gänzlich der Archivraum-Verordnung. Und nur die Hälfte der Akten ist auch geordnet. Ein Pfarrer erklärte es den Archivpflegern so: Er beschäftige sich lieber mit den Lebenden als mit den Toten.
Im Landeskirchenamt weiß man um die Misere und sucht seit 2008 nach Lösungen. Eine Kooperation mit dem Staatsarchiv oder ein eigenes Zentralarchiv in Dresden? Alles scheiterte am Geld. Im Juli 2012 wurde schließlich eine Arbeitsgruppe eingesetzt mit Praktikern wie Pfarrer Alexander Wieckowski, Kirchenhistorikern und Vertretern des Landeskirchenamtes. Ihr Ergebnis: Zentrale Archive in den Regionen sind zu teuer und eine Aufbewahrung der Akten nur in digitaler Form gilt als viel zu unsicher.
Was bleibt, ist die Idee eines zentralen Archives für die gesamte Landeskirche. Die Gemeinden würden leihweise und kostenfrei darin ihre Akten aufbewahren lassen – Kirchenbücher können sie, wenn gewünscht, vor Ort behalten. Kostenpunkt: 12,9 Millionen Euro ohne Grundstück oder in einer abgespeckten Version 7,4 Millionen Euro. 3,3 Personalstellen müssten zusätzlich im Archiv geschaffen werden. Diese Lösung wäre nicht nur eine Verbesserung für Akten und Wissenschaftler, wirbt die Arbeitsgruppe in ihrem Abschlussbericht, sondern würde auch die Kirchgemeinden personell und finanziell entlasten. Anfang Juni machte sich das Landeskirchenamt dieses Fazit zu eigen.
Jetzt hätte die Synode darüber beraten können. Doch die Kirchenleitung blockierte den Plan in ihrer Sitzung am 10. Juli. »Früher oder später brauchen wir ein Zentralarchiv, aber mitten in den aktuellen Diskussionen um knapper werdende Mittel ist kein guter Zeitpunkt dafür«, sagt Synodenpräsident Otto Guse.
Seine Stellvertreterin Bettina Westfeld dagegen sieht die Kirche in der Pflicht. »Denn es geht um sächsisches Kulturgut und das gehört nicht nur uns«, sagt die Dresdner Historikerin. So oder so braucht das Archiv des Landeskirchenamts schon jetzt dringend eine Erweiterung. »Und wenn alle Kirchgemeinden ihre Archive so führen würden, wie sie es müssten, würde man wohl auch in den Millionen-Euro-Bereich kommen.«
In einer Umfrage der Archiv-Arbeitsgruppe bekundeten 72 Prozent der Kirchgemeinden kein Interesse an einem Zentralarchiv. Doch die Landeskirche bewegt in letzter Zeit mit Erfolg ihre Gemeinden, die wahren Kosten ihrer Gebäude zu ermitteln und unwirtschaftliche Häuser abzustoßen – der Druck auf Archive vor Ort steigt.
Was sich am Ende nicht in Geldsummen fassen lässt, ist einzig der Wert der Jahrhunderte alten Akten.
Impressionen vom Elbe-Tauffest
Impressionen vom Elbe-Kirchentag in Pirna
Festtag 100 Jahre Glaube + Heimat
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