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»Dem Hass kann man nur mit Liebe begegnen«

Bei den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch trifft ein atheistischer Komponist auf den Glauben – Fragen an den künstlerischen Leiter
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  • Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter/Foto: O. Killing

    Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter/Foto: O. Killing

  • Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch weilte zwei Mal – in den Jahren 1960 und 1972 – im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz.

    Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch weilte zwei Mal – in den Jahren 1960 und 1972 – im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz.

  • Einzigartiger Konzertort mit bester Akustik: eine leer geräumte Scheune in Gohrisch/Foto: O. Killing

    Einzigartiger Konzertort mit bester Akustik: eine leer geräumte Scheune in Gohrisch/Foto: O. Killing

  • Sofia Gubaidulina erhält in diesem Jahr den Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch/Foto: M. Creutziger

    Sofia Gubaidulina erhält in diesem Jahr den Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch/Foto: M. Creutziger

Herr Niederschlag, was sind die Höhepunkte in diesem Jahr?

Im Zentrum stehen vier Uraufführungen, zwei von Mieczysław Weinberg, eine von Sofia Gubaidulina und eine von Schostakowitsch selbst. Das ist etwas sehr Besonderes – viel wird man vor allem bei Schostakowitsch in dieser Hinsicht nicht mehr finden. Außergewöhnlich ist auch die Aufführung der 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch mit dem wunderbaren Pianisten Alexander Melnikov. Schostakowitsch hat diesen Zyklus nach seinem Besuch des Bach-Wettbewerbes 1950 in Leipzig komponiert und sich dazu durch das »Wohltemperierte Klavier« inspirieren lassen. In seiner Gesamtheit hört man den Zyklus nur selten. Schön ist außerdem, dass während des Festivalwochenendes in der Semperoper auch die Weinberg-Oper »Die Passagierin« zur Dresdner Premiere gelangt. Dresden und Gohrisch stehen also in diesen Tagen ganz im Zeichen von Weinberg und Schostakowitsch.

Thomas Sanderling wird unveröffentlichte Fragmente aus Schostakowitschs Oper »Die Nase« zur Uraufführung bringen. War es schwer, ihn nach Gohrisch zu locken?

Die Verbindungen zwischen dem Festival und der Familie Sanderling sind ja seit längerem vorhanden, der Vater Kurt Sanderling – einst Chefdirigent der Leningrader Philharmoniker und der Staatskapelle Dresden – war noch eng mit Schostakowitsch befreundet und erster Schirmherr der Schostakowitsch-Tage in Gohrisch. Auch sein ältester Sohn Thomas Sanderling kannte Schostakowitsch noch persönlich und hat ihn 1972 sogar in Gohrisch besucht. Als er vor circa einem Jahr das Manuskript der unveröffentlichten Fragmente von Schostakowitschs Witwe Irina bekam, hat er uns gleich die Uraufführung mit der Staatskapelle in Gohrisch vorgeschlagen.

Sofia Gubaidulina ist Christin – spielen christliche Werte beim Festival eine Rolle?

Ich würde eher sagen, dass humanistische Werte eine große Rolle spielen. Schostakowitsch war Atheist, aber viele seiner Werke kann man als Plädoyer für mehr Menschlichkeit verstehen. Die Musik von Sofia Gubaidulina hingegen ist sehr stark durch ihren christlichen Glauben geprägt, was ihr in der Sowjetunion immer wieder große Probleme einbrachte.

Wirkt sich der Glaube auf den Inhalt des Festivals aus?

In diesem Jahr auf jeden Fall mehr als sonst. Am Vormittag des letzten Festivaltages werden wir die deutschsprachige Fassung von Sofia Gubaidulinas »Einfachem Gebet« zur Uraufführung bringen. Das ist quasi die kammermusikalische Essenz aus ihrem Oratorium »Über Liebe und Hass«, das im Oktober letzten Jahres in der Semperoper erstaufgeführt wurde. Der zunehmende Hass in der heutigen Welt beunruhigt Sofia Gubaidulina sehr, und sie ist fest davon überzeugt, dass man ihm nur mit Liebe begegnen kann. Die Aufführung an einem Sonntagvormittag ist kein Zufall, und wir freuen uns sehr, dass Sofia Gubaidulina bei diesem Konzert in Gohrisch anwesend sein wird.

Was macht das Festival aus Ihrer persönlichen Sicht aus?

Die Aufführung großartiger Musik in einer ländlichen Umgebung, berühmte Künstler spielen hier in einer Scheune. Dazu ein Publikum, das ungeheuer aufgeschlossen ist gegenüber der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, und eine Dorfgemeinschaft, die sich in vielfältiger Weise an der Umsetzung des Festivals beteiligt. Eigentlich sind die Grenzen zwischen Künstlern, Publikum und Dorfbewohnern fließend: Wir sind wie eine große Gemeinde, die sich für eine gemeinsame Sache begeistert.

Was sind Pläne für die nächsten Jahre, ist ein Konzerthausbau geplant?

Das Festival wächst weiter und zieht, auch in der nationalen und internationalen Wahrnehmung, immer größere Kreise. Viele namhafte Künstler melden sich bei mir und möchten unbedingt in Gohrisch musizieren – und dies ohne Honorar, wie es bei unserem Festival üblich ist. Mit der Scheune, die eine wunderbare Akustik hat, sind wir sehr glücklich, und so langsam rückt ja auch das zehnjährige Jubiläum im Jahr 2019 immer näher …

Die Fragen stellte Mandy Weigel.

Das Festival findet vom 22. bis 25. Juni statt.

www.schostakowitsch-tage.de

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