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Gen-Schere als Gott-Werkzeug?

Medizin und Ethik: Wie Chirurgen können Biologen und Ärzte mit einer neuen Technologie in Gene eingreifen – sie hoffen auf Heilung von Krebs, Aids und Erbkrankheiten. Doch es gibt auch eine Versuchung.
Andreas Roth
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© Gernot Krautberger/Fotolia

Hoffnungen und Ängste liegen manchmal nahe beieinander. Manchmal sind sie sogar auf so engem Raum verbunden wie in einem Gen. Gerade diese klein­sten Baupläne des Lebens sorgen für große gesellschaftliche Diskussionen. Entfacht wurden sie in letzter Zeit vor allem durch ein neues Wunderwerkzeug: eine Gen-Schere namens Crispr/Cas.

Mit ihr wollen Forscher kaputte Gene reparieren. Die Hoffnung: Erbkrankheiten, Krebs und Aids wirksam und günstig heilen zu können. Erst vor fünf Jahren hatten die beiden Biologinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna das Verfahren bei Bakterien abgeschaut, die zielgenau die DNA von gefährlichen Viren zerstören können.

Doch Kritiker fürchten in Anspielung auf die zerstörerischen Folgen der Atom-Physik jetzt einen »nuklearen Moment« der Lebenswissenschaften. Manche sprechen gar von einem »Gott-Werkzeug«. Schwingt sich der Mensch mit der Gen-Schere selbst zum Schöpfer auf?

Das sei ein »merkwürdiger Gottesbegriff« und die Debatte über neue wissenschaftliche Möglichkeiten werde damit nur »religiös gesteigert«, kritisierte der frühere EKD-Ratsvorsitzende und Bischof Wolfgang Huber vor dem Deutschen Ethikrat. »Allen heilenden Eingriffen ist gemeinsam, dass sie planmäßige Interventionen sind, die nicht einfach der Natur ihren Lauf lassen«. Ethik ist für den früheren Professor Huber: das nüchterne, kritische Abwägen der Chancen und Risiken. Denn ausschließlich gut ist der Fortschritt ebenso wenig wie es die Schöpfung ist.

Die Folgen des Einsatzes der Gen-Schere sind tatsächlich noch nicht zu überblicken. Gibt es etwa unbeabsichtige Nebenwirkungen beim Ausschalten eines Gens? Eine Manipulation des Erbgutes einer Malaria übertragenden Mückenart etwa könnte diese ausrotten – doch das wäre ein massiver Eingriff in die Natur, gibt der Vorsitzende des Ethikrates, der Erlanger Theologieprofessor Peter Dabrock zu bedenken. »Auf der anderen Seite stehen Hunderttausende von Toten und Millionen von Erkrankten, die Malaria noch immer als Opfer fordert.«

Noch schwerer wiegen die Fragen, wenn es um Menschen-Gene geht. Umstritten ist vor allem der Einsatz der Gen-Schere in Keimzellen von werdenden Eltern oder gar an Embryonen. Denn die Folgen würden sich vererben, die Risiken sind unbekannt. Kritiker fürchten »Designer-Babys«, bei denen Eltern Haarfarbe, Größe und Talente vorherbestimmen wollen – in Deutschland ist dies durch ein Embryonenschutzgesetz verboten. Viele deutsche Theologen und Politiker sehen hier eine rote Linie, einige fordern deshalb eine befristete Einstellung dieser Forschungen. In China und Großbritannien dagegen wird längst mit der Gen-Schere an der Bekämpfung von Erbrankheiten bei – bisher nicht lebensfähigen – Embryonen gearbeitet.

Der Molekularbiologe Jens Reich weist darauf hin, dass eine solche Heilung »in jedem dieser Fälle für die Patienten und ihre Angehörigen eine glückliche Wendung des Lebensschicksals« wäre. Mehr noch: Der Eingriff an Genen könne auch dem Ziel einer Chancengerechtigkeit dienen. »Ist doch die große Verschiedenheit von körperlichen wie geistigen Erbanlagen zwischen den Menschen eine wesentliche Mitursache, dass die einen das Beste aus den Lebenschancen machen können, während die anderen von Geburt an benachteiligt sind«, schreibt Reich in einem Aufsatz.

Doch wo ist die Grenze zwischen der Vermeidung von Leid und der Vermehrung von Glück – zwischen Therapie und Perfektion? Sie muss klar gezogen werden, fordert der frühere EKD-Ratsvorsitzende Huber.

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5 Lesermeinungen zu Gen-Schere als Gott-Werkzeug?
Gert Flessing schreibt:
19. Juli 2017, 16:06

Es geht um eine Technologie. Wir sollten das weder verklären, noch verteufeln.
Eine Technologie hat nur insofern etwas mit Gott zu tun, als Gott diese Welt erkennbar geschaffen hat und dem Menschen den Verstand gab, sie auch erkennen zu können.
Die Diskussion, die dann, wenn eine Erkenntnis da ist, geführt wird, ähnelt, in meinen Augen, derjenigen, die Galilei dazu gezwungen hat, dem Gedanken, das die Sonne im Zentrum unseres Sonnensystems steht, abzuschwören.
Es scheint Momente zu geben, in denen Kirche immer noch relativ wissenschaftsfeindlich ist.
Wenn jemand glaubt, dadurch die Menschen für den Glauben an Gottes Liebe zu gewinnen, ist er wohl auf dem Holzweg.
Gert Flessing

Dieter E schreibt:
20. Juli 2017, 22:36

Falls es 'GOTT' in diesem Sinn wirklich geben sollte, dann hat er auch diese Möglichkeiten geschaffen. Diejenigen, die an ihn glauben, müssen sich daher im Rahmen ihrer jeweiligen speziellen Glaubensrichtung mit dem Willen Gottes auseinander setzen!

Manfred schreibt:
24. Juli 2017, 17:54

Sehr geehrter Herr Flessing.
Entweder ein Mensch glaubt an den Gott und seiner Kraft oder er lässt es sein.
Ein Dazwischen gibt es nicht. Wenn ein Mensch eine Krankheit hat (gleich ob schwer oder weniger schwer), dann ist es Gottes Wille.
Kein Mensch hat „eigentlich“ das Recht an der Schöpfung Gottes herumzubasteln.
Galilei hatte etwas erkannt, was die Macht der Kirche geschwächt hätte. Aus diesem Grund hat er widersprochen.
ICH glaube nicht mehr AN DEN GOTT, sondern beschäftige mich mit den Kräften des Universums. Auch da gibt es keinen Zufall, sondern alles hat seine Regeln und feste Gesetze.
Den entsprechenden Bauplan des Zusammenspieles kennen wir (noch) nicht.
Für mich wäre es sehr wichtig, wenn wir uns wieder an ein festes Regelwerk halten und nicht in die Beliebigkeit verfallen würden.
Zurzeit zerfällt die Gesellschaft, weil keiner mehr da ist, konsequent gegen diese Beliebigkeit vorzugehen.
Leider ist die Kirche auch hier sehr anpassungsfähig geworden (oder auch nur sehr, sehr schwach!). Obwohl ich nicht mehr der Kirche angehöre, unterstütze ich diese trotzdem spontan mit einfachen Tätigkeiten.
Nächstenliebe kann man auch ohne Kirche leben.

Gert Flessing schreibt:
27. Juli 2017, 10:27

Manfred, das ist falsch.
Wenn ich an Gott glaube, bedeutet das absolut nicht, das ich der Meinung bin, mein Herzinfarkt ist Gottes Wille. Er ist die Folge meines Lebens, meines Übergewichts, meiner Völlerei, meines Stresses...
Wenn ich einen Schnupfen habe, ist es nicht Gottes Wille, sondern die Tatsache, das ich mich entweder verkühlt habe, oder angesteckt.
Gott hat den Menschen mit Vernunft begabt, um diese zu gebrauchen. Wenn er das nicht tut, ist er selbst dran schuld.
Diese Vernunft führt ihn in die Welt der Zusammenhänge des Universums. Schön, wenn Sie sich damit beschäftigen. Wohl dem, der die Zusammenhänge erkennen kann und daran arbeitet, sie noch weiter zu erkennen. Genau das ist Gottes Wille. Wir sollen nicht rumbärmeln, sondern was tun.
Nächstenliebe ist kein Privileg der Kirche (die eh oft genug mehr davon redet...), sondern etwas, was jeder Mensch leisten kann.
Gert Flessing

Manfred schreibt:
30. Juli 2017, 14:06

@Gert Flessing,
Ihnen ist aber wohl klar, dass die sogenannte Genschere ein direkter Eingriff in die Schöpfung ist!
Diese Genschere „schneidet“ aus der Doppelhelix der DNA etwas heraus, um diese zu manipulieren. Damit könnte in Zukunft auch ein vollkommen neues Lebewesen entstehen!
Ob dies noch mit dem Glauben vereinbar ist, würde ich bezweifeln.
Selbst ich, der es nicht mehr mit dem Glauben so hält, dafür mehr mit dem Wissen, habe da meine Probleme.

Tageslosung

Der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

(Klagelieder 3,31-32)

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

(1.Petrus 5,10)

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