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Die grüne Reformation

Kirche und Mitwelt: Die Erde steht vor dem Kollaps. Lange blieb die Kirche passiv im Umweltschutz. Dabei ist das ihre ureigenste Aufgabe – denn Gott wohnt in seiner Schöpfung.
Von Stefan Seidel
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© Romolo Tavani - fotolia.com

Die Lage ist ernst. Am 26. Januar wurden die Zeiger der symbolischen Weltuntergangsuhr auf zweieinhalb Minuten vor Zwölf vorgerückt. Das heißt: im Jahr 2017 schätzt ein Gremium aus renommierten Wissenschaftlern das Risiko einer globalen Katastrophe als noch höher als im Vorjahr ein.

Ein Hauptgrund: der ungebremste Klimawandel. Es wird – trotz der erfolgreichen UN-Klimakonferenz 2015 – nach wie vor zu wenig dafür getan, die globale Klimaerwärmung auf eine maximale Steigerung von zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Folgen sind ausrechenbar: Wenn die Industrie- und Schwellenländer ihren Treibhausgasausstoß nicht drastisch senken, könnte die Durchschnitts­temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere vier Grad ansteigen. Und das bedeutet: Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, Wüstenbildungen, das Verschwinden ganzer Landstriche.

Und was tut die Kirche? Sie wacht langsam auf, auch im Westen. Lange Jahre hatte man den Umweltschutz speziellen Gruppen überlassen und an die Ränder des Kirchentages oder in Basisgruppen ausgelagert. Nicht selten wurden die »Öko-Christen« belächelt und verspottet als Weltretter in Birkenstocksandalen. Doch heute dürfte solcher Spott im Halse stecken bleiben. Denn: »Nichts befördert die Katastrophe so sehr wie gelähmtes Nichtstun«, betont der umwelttheologische Vordenker Jürgen Moltmann und fordert ein neues »ökologisches Zeitalter«. Das heißt, auch die Theologie und Kirche müsse lernen, dass ein Weltbild, das den Menschen im Zentrum sieht, verabschiedet werden muss zugunsten eines Weltbilds, das alles Leben in der Mitte sieht.

Die ökologische Frage ist auch eine theologische. Denn es gilt, die Erde als das »Haus Gottes« zu schützen und die Vorstellung der Heiligkeit allen Lebens zurückzugewinnen. Moltmanns Formel lautet: »Gott atmet durch die ganze Schöpfung.« Seiner Ansicht nach wurde Gott viel zu lange ins Jenseits verbannt und von der Erde ferngehalten. Es sei höchste Zeit, ihn wieder zu erkennen in all seinen Geschöpfen.

Papst Franziskus hat diesen Sinneswandel schon vollzogen. In seiner viel beachteten Umwelt-Enzyklika »Laudato si« von 2015 geiselt er eine Theologie, die einen »despotischen Anthropozentrismus« begründet. Er rückt radikal die Schöpfung in die Mitte und spricht von der »Schwester Erde«, die aufschreit unter ihrer grenzenlosen Ausbeutung. Er erinnert daran, »dass wir selber Erde sind«.

Konkret bedeutet das etwa eine Kritik an der industriellen Landwirtschaft, wie der Münsteraner Theologe Rainer Hagencord erklärt. »Dieses System kennt eigentlich nur Verlierer: Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt, die Würde der Tiere, Landwirtinnen und Landwirte, unsere Gesundheit«, so Hagencord. Und letztlich gebe es nur zwei Gewinner: die Fleisch- und die Pharmaindustrie – »die größten Protagonisten in dem Spiel einer Wirtschaft, die vor allem eines tut: sie tötet!«

Daraus ergeben sich laut Hagencord ganz praktische Überlegungen für die Kirche. Ob zum Beispiel in den kirchlichen Kantinen auf industriell erzeugte Lebensmittel verzichtet wird. Oder ob beim nächsten Gemeindefest kein Industrieessen angeboten wird.

Es scheint allerdings, als hinke insbesondere die deutsche Kirche diesen öko-theologischen Einsichten hinterher. So heißt es in einer Mitte Februar erschienenen Studie von Lutherischer Kirche und Katholischer Bischofskonferenz zur Menschenwürde: »Den Ausdruck ›Würde‹ beziehen wir auf Menschen und unterscheiden sie so von Sachwerten und Schutzrechten von Tieren.« Also: keine Würde für alle. Der Weg zu einer dringend notwendigen Ehrfurcht vor allem Leben scheint in der Kirche noch ein weiter zu sein.

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5 Lesermeinungen zu Die grüne Reformation
Beobachter schreibt:
10. Mai 2017, 16:01

So, so, was "Kirche" so alles "muß"!
Jetzt soll sie also die "Krone der (SEINER) Schöpfung" aus der Mitte verschwinden und vorgeschrieben werden, was die Menschen zu essen haben. Grüne Ideologie hoch 3!
"Veggie Day" läßt grrüßen!
Naja, irgendwo muß das Geld ja rausgeschmissen werde und die Gemeindearbeit kaputgemacht werden!

L. Schuster schreibt:
14. Mai 2017, 8:04

Vorsichtig mit unserer Erde umzugehen war für uns immer normal, hierzu brauchte es die grüne Ideologie nicht, Eine verlogen Ideologie, denn in Wahrheit schadet sie der Natur und vor allen uns Menschen mehr als sie nützt. Hier geht es um Ideologie, wo es um Macht, Politik, Geschäfte geht und bestimmt nicht um die Menschheit. Letztlich ihren Fortschritt, Gott verhindern will.

Beobachter schreibt:
15. Mai 2017, 11:50

Genauso ist es. Immer merhr Menschen durchsschauen das und immer wenuger wählen diese Typen (siehe auch gestern wieder!)!

Tommy schreibt:
13. Mai 2017, 21:12

Bereits in der DDR gab es eine Bewegung "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung". Da haben sich viele engagierte Christen intensiv auch mit der Umweltverschmutzung im damals so genannten Ostblock beschäftigt. Freilich, alles nicht so hochtragend und in tolle Worte verpackt wie heute im Westen.
Es gibt noch mehr Gewinner als die erwähnten Fleisch und Pharmaindustrie, einer ist die Energiebranche, speziell die Kernenergie. Jahrelang mit Subventionen aufgebaut, gewaltige Gewinne gescheffelt, sich weder um Kosten und Risiken des Uranabbau noch Entsorgung des für mehrere tausend Jahre strahlenden Abfall, geschweige denn einem eventuellen Rückbau eines kraftwerk kümmern. Alle Kosten und Risiken werden dem Staat übertragen, die Milliarden an Kosten soll ruhig der zahlen...
Die DDR Umweltbewegung hat sich intensiv eingesetzt um das AKW Reinsberg (bei Magdeburg) nicht an das Netz gehen zu lassen, zum Glück kam die Wende zu Hilfe. Seit fast 20 Jahren wird es jetzt zerlegt, anfangs waren 7 Jahre angesetzt. Die Kosten für den Abriß des - unverstrahlten - AKW ist um das mehrfache höher als angenommen, eine Fertigstellung des Abbau ist noch nicht absehbar, auch die Kosten dafür sind unkalkulierbar. Wohin mit dem Müll eines AKW, welches am Netz war, wo unbekannte Mengen hochradioaktivem Mülls anfallen, dessen weiterer Verbleib nach wie vor unklar ist... die aktuellen Kraftwerksbetreiber zahlen ein paar Millionen Euro in einen Fond, den Rest zahlt dann der Staat.... Das sind die wahren Verbrecher,
Tommy

Gert Flessing schreibt:
15. Mai 2017, 9:17

Natürlich haben wir Verantwortung für die Schöpfung.
Aber das hat auch etwas mit der Erkennbarkeit zu tun und mit Forschung und Entwicklung.
Wenn Windkraftanlagen gebaut werden, die überflüssig sind, weil der Strom nicht weg transportiert werden kann, ist das schon bemerkenswert. Wenn Wasserkraftanlagen verhindert werden, die unschwer einige Windräder ersetzen können, weil die Fische leiden (trotz ökologisch einwandfreier Fischtreppe) ist das auch bemerkenswert.
Wer in Kantinen keine "industriell erzeugten Lebensmittel" anbieten möchte, der sollte wieder selbst kochen. Wir haben auf Gemeindefesten schon lange Lebensmittel, die vom Fleischer kommen, der in der Region seine Arbeit macht und aus der Region sein Fleisch bezieht.
Das aber von allen zu verlangen ist fragwürdig. Es gibt Menschen, die sind, auf Grund ihres Einkommens auf billig erzeugte Nahrungsmittel angewiesen.
Sicher, man könnte verlangen, das sie höhere Löhne erhalten oder das Harz IV abgeschafft wird oder ...
Man könnte vieles. Aber man sollte dabei realistisch bleiben. Auch als Christ.
Gert Flessing

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