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Liebe in finsterer Zeit

Neuerscheinung: Ein Buch erzählt anschaulich von Dietrich Bonhoeffers großer Liebe – Maria von Wedemeyer. Es ist auch ein Buch über das Fertigwerden mit ungelebten Hoffnungen.
Von Stefan Seidel
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Tragische Liebe: Maria von Wedemeyer und ihrem Verlobten Dietrich Bonhoeffer war es nicht vergönnt, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Bonhoeffers Verhaftung und Hinrichtung zerstörten die erträumte gemeinsame Zukunft. © Foto: epd-bild/Gütersloher Verlagshaus

Lange Zeit blieb die Frau an Dietrich Bonhoeffers Seite geheimnisumwittert: Maria von Wedemeyer (1924–1977). Als gerade einmal 19-Jährige hatte sie sich im Januar 1943 mit dem großen Theologen verlobt – und musste ihn doch bald hergeben: zunächst in die Gestapo-Haft und dann an den Tod.

Was den Frischverliebten blieb, war eine Liebe in Briefen. Bis zu Bonhoeffers Hinrichtung am 9. April 1945 schrieben sie einander innige Briefe, die lange Jahre unter Verschluss waren.

Erst kurz vor ihrem Tod 1977 erlaubte Maria von Wedemeyer ihrer Schwester, die Briefe auch der Öffentlichkeit preiszugeben. Nun hat der Pfarrer und Autor Fabian Vogt aus den verschiedenen Quellen einen Liebesroman geschrieben: »Bonhoeffers große Liebe. Die unerhörte Geschichte der Maria von Wedemeyer«.

Natürlich befriedigt dieses Büchlein eine gewisse Neugier, wenn es etwa von dem grotesken Anfang dieser Liebesbeziehung berichtet. Man erfährt zum Beispiel, dass Wedemeyer sich als 12-jähriges Mädchen von Bonhoeffer hat konfirmieren lassen wollen. Doch dieser attestierte ihr damals Unreife und verweigerte die Konfirmation.

Doch sechs Jahre später – im Sommer 1943 – sprang der Funke über. Bei einer Begegnung im ostpreußischen Hause der Großmutter. Hier hatte sich Bonhoeffer eingemietet, um an seinem Buch »Ethik« zu schreiben. Auf langen Spaziergängen entdeckten sie ihre tiefe Zuneigung. Dann besuchte sie ihn in Berlin. Er führte sie aus in das Restaurant »Alois«. Es gehörte dem Bruder Adolf Hitlers. Doch Bonhoeffer wähnte sich gerade an diesem Ort von Spitzeln unbeobachteter als anderswo.

Nach einigen Widerständen – insbesondere von seiten der Mutter Marias – nahm sie die Verlobungsanfrage des doppelt so alten Bonhoeffers an. Und zwar per Brief. Bonhoeffer antwortet ihr am 13. Januar 1943 wiederum po­stalisch: »Ich spüre und bin überwältigt von dem Bewusstsein, dass mir ein Geschenk ohnegleichen zugefallen ist – nun ist das unvorstellbar Große und Beglückende einfach da und das Herz tut sich auf. Ich kann noch gar nicht fassen, dass dieses Ja über unser ganzes Leben entscheiden soll.«

Doch ein gemeinsames Leben in Freiheit blieb ihnen verwehrt. Denn wenige Monate nach der Verlobung wurde Bonhoeffer verhaftet. Einzig über die in die Gestapo-Zelle geschmuggelten Briefe und kurze Besuchszeiten konnten sie ihre Liebe leben. Sehnsuchtsvoll schrieb Wedemeyer einmal: »Es ist schade, dass ich mich nicht als Miniaturausgabe in deine Jackentasche stecken kann. Du würdest mich dann in deiner Zelle hervorholen und wir könnten uns lange und ungestört unterhalten.«

Auch malten sie sich ihre Hochzeitsfeier aus. Der Trauspruch sollte Psalm 103 sein: »Lobe den Herren, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.« Bonhoeffer bekannte seiner Verlobten: »Ach, liebste, liebste Maria, kann es dir denn nicht genügen zu wissen, dass ich durch dich froh und glücklich geworden bin, froher und glücklicher, als ich noch je in meinem Leben zu werden hoffte?«

Der Roman – bewusst als Mischung von Fakten und Fiktion geschrieben – schmückt jene Leerstellen aus, die sich zwischen den Briefen auftun. Da ist vor allem das Hadern der jungen Maria darüber, dass ihr Verlobter einen perfekten Fluchtplan ausschlug und im Gefängnis blieb. Sein Standhalten erklärte er als »Antwort auf Gottes Frage und Ruf«. Mit dieser Ergebenheit tat sich die leidenschaftliche und kluge Maria von Wedemeyer schwer. Über ihren Verlobten sagte sie: »Gott war seine große Liebe. Dieser unbegreifliche, verborgene Gott, dessen Tun er selbst nicht verstand.«

Als sie im April 1945 von seiner Verlegung in das KZ Flossenbürg erfuhr, machte sie sich noch einmal auf den Weg, ihn dort zu sehen. Doch nach einer beschwerlichen Reise durch das kriegszerrüttete Deutschland wird sie an der Pforte des KZs abgewiesen. Alles, was sie noch in Händen hatte, war Bonhoeffers letzter Brief an sie vom Dezember 1944. Er sollte zum Abschiedsbrief werden. Darin schreibt er: »Du darfst nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja sowenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht.«

Nach dem Krieg begann Maria von Wedemeyer eine Karriere als Computerspezialistin in Amerika. Doch zwei Ehen scheiterten. Sie starb 53-jährig. Dieses Buch lässt den Leser auch darüber nachdenken, wie man mit den ungelebten Hoffnungen des Lebens leben – und sterben – kann.

Fabian Vogt: Bonhoeffers große Liebe. Die unerhörte Geschichte der MAria von Wedemeyer. Edition Chrismon, 155 Seiten, 13 Euro.

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HERR, wenn ich an deine ewigen Ordnungen denke, so werde ich getröstet.

(Psalm 119,52)

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

(Lukas 10,39)

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